Die postmoderne Querfront

[+] Mi, 31. May, 19 Uhr, T01, Platz der Göttinger Sieben 2

Die postmoderne Querfront - Zur Kritik des Linkspopulismus am Beispiel seiner VordenkerInnen Chantal Mouffe und Ernesto Laclau
Chantal Mouffes Begriff des Politischen und ihre zusammen mit Ernesto Laclau erarbeitete ‚postmarxistische‘ Theorie des Populismus sind in aller Munde. Linkspopulistische Bewegungen wie Syriza oder Podemos betrachten Laclau und Mouffe gar als VordenkerInnen.
Der Vortrag stellt ihren in weiten Teilen der Linken akzeptierten Erklärungsansatz für den Aufstieg des Rechtspopulismus und ihre linkspopulistische Gegenstrategie dar. Es wird gezeigt, dass sowohl die politikwissenschaftliche Diagnose als auch die Strategievorschläge von einer irrationalistischen Gesellschaftstheorie abhängig sind, die Laclau/Mouffe weitgehend den Abhandlungen des faschistischen Rechtsphilosophen Carl Schmitt entnehmen.
Unter anderem mit Rekurs auf Laclau/Mouffe bildet sich derzeit weltweit auf akademischer und politischer Ebene eine ideologische Querfront, eine „productive convergence of the far Right and the far Left“, wie es eine amerikanische Philosophin mit begeisterter Zustimmung ausdrückt. Akteure, Elemente und Argumentationsstrategien dieser Querfront werden im Vortrag kritisch diskutiert.
Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. Letzte Publikationen: „Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt.“ Würzburg 2015; „Politische Macht, Faschismus und Ideologie. Ernesto Laclaus Auseinandersetzung mit Nicos Poulantzas“. In: A. Hetzel (Hrsg.): „Radikale Demokratie. Zum Staatsverständnis von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau.“ Baden-Baden 2017.

Kulturindustrie, das sind die anderen

[+] Mi, 07. Jun, 19 Uhr, ZHG 101

Kulturindustrie, das sind die anderen
Mit dem Begriff Kulturindustrie hat Adorno der Kritik der sogenannten Massenkultur ihren schärfsten Ausdruck gegeben. Und zudem einen, der am liebsten mißverstanden wird. Kulturindustrie, meint man, das seien die großen Konzerne und Hollywood, doch sicher nicht die gutgemeinte Bastelei, deren man sich und seinesgleichen rühmt. Im übrigen herrscht Einigkeit darüber, daß, was populär ist, nicht durchaus schlecht sein könne. Es bleibt daran zu erinnern, daß die Kritik, die man heute als überspannt und gleichermaßen überholt erachtet, gar nicht an erster Stelle der unverdrossen sich selbst anpreisenden Kultur galt, sondern einer Gesellschaft, die »anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten«, wie es in der Vorrede zur Dialektik der Aufklärung heißt, in eine neue Art von Barbarei versank. Die törichten Schlager, denen man inzwischen allerlei Qualitäten nachsagt, hätte wohl auch Adorno ziemlich gleichmütig ertragen, wenn er nicht erkannt hätte, daß eine solcherart produzierte Kultur noch die Leute entmündigt, die sie begeistert produzieren. Dieser Prozeß hat längst die Kunst schlechthin erfaßt. Vergeblich daher selbst der theoretische Versuch, den Machtbereich der Kulturindustrie historisch oder geographisch einzugrenzen. Wenn überhaupt, so enthält sie selbst »das Gegengift ihrer eigenen Lüge. Auf nichts anderes wäre zu ihrer Rettung zu verweisen« (Adorno).
Christoph Hesse ist Film- und Literaturwissenschaftler und arbeitet an der FU Berlin, aktuell an der Edition des Briefwechsels zwischen George Grosz und Hermann Borchardt. Buchveröffentlichungen u.a.: Filmexil Sowjetunion. Deutsche Emigranten in der sowjetischen Filmproduktion der 1930er und 40er Jahre, München: edition text+kritik, 2017; Filmstile, Wiesbaden: Springer, VS 2016 (mit Oliver Keutzer, Roman Mauer, Gregory Mohr); Unreglementierte Erfahrung, Freiburg: ça ira, 2015 (hg. mit Devi Dumbadze); Briefe an Bertolt Brecht im Exil, 3 Bände, Berlin: De Gruyter, 2014 (hg. mit Hermann Haarmann).

Schön! Stark! Frei!

[+] Di, 13. Jun, 19 Uhr, ZHG 008

"Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden"
Präsentation mit Artikelbeispielen und Diskussion mit Elke Amberg
Die Gleichstellung von LSBTIQ* geht schrittweise voran und zunehmend findet das auch in den Medien seinen Niederschlag. Aber in den Berichten von „Homo-Ehe“ und queerem Leben tauchen lesbische Frauen nur selten auf. Elke Amberg hat die Presseartikel zur lesbisch-schwulen Gleichstellungspolitik sowie rund um das alljährliche Szene-Event Christopher-Street-Day analysiert. Das Ergebnis: Lesben sind weitgehend unsichtbar. Ihre Studie liefert erstmals Zahlen und Fakten zur bisher nur gefühlten »Leerstelle Lesben« in den Medien. Sie analysiert die wenigen, oftmals einseitigen und verzerrenden Darstellungen lesbischer Frauen und erhellt die Gründe, warum Lesben im öffentlichen Diskurs nach wie vor unsichtbar sind.
Elke Amberg ist Kommunikationswissenschaftlerin M.A., Fach-Journalistin und Autorin. Sie lebt mit ihrer Partnerin in München und verdient ihren Lebensunterhalt durch freiberufliche Arbeit für Verbände und Non-Profit-Einrichtungen. Seit 2002 analysiert sie Frauen-Medien-Themen. Zuletzt erschien im Ulrike Helmer Verlag ihr Buch „Berge, Bön und Buttertee. Reise ins Tibet der Frauen“, der erste lesbische Reisebericht über Tibet.

Kritische Theorie des Antiziganismus

[+] Mi, 21. Jun, 19 Uhr, ZHG 101

Vortrag und Diskussion mit Nico Bobka
»Die Juden sind die heimlichen Zigeuner der Geschichte«, schrieb Theodor W. Adorno in einem Brief an Max Horkheimer. Die Gedanken, die Adorno um diese These herum entfaltet, erschienen ihm »so waghalsig«, dass er sich nicht traute, sie jemand anderem als Horkheimer zu zeigen. Dennoch konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, mit diesen fragmentarischen Überlegungen ein wichtiges Motiv erkannt zu haben, das eine »zugleich einheitliche und nicht rationalistische Erklärung des Antisemitismus« erlaubt.
Was Adorno erkannt zu haben meinte, betrifft unweigerlich auch eine erst noch auszuformulierende kritische Theorie des Antiziganismus: archaische Züge, die ihre Ursache in einem sehr frühen Stadium der Geschichte der Menschheit haben. Das Aufgeben des Nomadentums, die mit dem Sesshaft-Werden zusammenfallende Arbeit und aller damit verbundene Triebverzicht, sei eines der schwersten Opfer gewesen, das die Geschichte der Menschheit auferlegt habe. Das Bild der Juden als Zigeuner der Geschichte, damit das Bild der Zigeuner überhaupt, repräsentiert das eines Zustands der Menschheit, der die Arbeit nicht gekannt hat; Zigeuner gelten als diejenigen, die den schmerzlichen Prozess der Zivilisation verschmäht oder nur unzureichend vollzogen haben, die sich nicht dem Primat der Arbeit haben unterwerfen lassen. Je mehr die zur zweiten Natur gewordene Welt der Sesshaftigkeit, als eine der Arbeit, die Unterdrückung reproduziert, desto mehr scheinen sich die Zivilisierten den Gedanken an einen nomadischen Zustand des Glücks, so unglücklich dieser selbst auch sein mag, nicht mehr erlauben zu dürfen und die sich im Bild der Zigeuner andeutende Erinnerung verbieten zu müssen.
Im Vortrag soll zumindest fragmentarisch angedeutet werden, dass der Antiziganismus nicht in der wie verzerrt auch immer wahrgenommenen Lebensrealität der Sinti oder Roma wurzelt. Im Anschluss an Franz Maciejewskis psychoanalytische Überlegungen soll der Antiziganismus auf den Begriff gebracht werden: als ein Antiziganismus ohne Sinti oder Roma – nicht jedoch ohne Zigeuner. Der Begriff des Zigeuners kann kritischer Theorie daher nicht etwa Anlass sprachpolitischer Interventionen sein, sondern gilt ihr vielmehr als Einstiegspunkt einer zu reflektierenden Urgeschichte des Antiziganismus; einer Urgeschichte der Gattung, die noch in jeder individuellen Entwicklung wiederholt wird. So wird sich herausstellen, dass der Zigeuner kein Konstrukt ist, sondern vielmehr Produkt des Zivilisationsprozesses, das sich im Unbewussten der Subjekte niedergeschlagen hat. Der Zigeuner wäre somit der Deckname für in die Außenwelt projizierte, dem Bewusstsein verborgene, tabuisierte und verleugnete Selbstanteile der Antiziganer; und der Antiziganismus wäre der niemals endende Versuch, am Objekt der Projektion die eigenen zivilisatorischen Zurichtungen nachzuahmen und zu vollenden.

Körper - Geschlecht - Biographie

[+] Mo, 26. Jun, 18 Uhr, ZHG 104

„Körper - Geschlecht - Biographie. Körper zwischen Enteignung und Emanzipation in inter*geschlechtlichen Erfahrungsaufschichtungen.“
Vortrag mit Dr. Anja Gregor
Inter* Menschen, deren Körper nicht einem der gültigen Geschlechtskörperkategorien zugeordnet werden können, gelten medizinisch als krank. Ihre Körper werden auch heute noch schnellstmöglich im Sinne der Geschlechternormen zugerichtet. Sie erleben durch diese Pathologisierung auf vielfältige Weisen die Enteignung ihres Körpers und die damit einher gehende Fremdbestimmung. Die_er Referent_in hat medizinisch zugerichtete inter* Menschen interviewt und möchte im Vortrag die Biographieforschung, die sie_er mit Ihnen durchgeführt hat, vorstellen. Die Ergebnisse dokumentieren einerseits die Verletzungen durch die Praktiken der Zurichtung sowie die als fremdbestimmend wahrgenommenen medizinischen Praktiken des Wissenstransfers. Andererseits beschreiben sie Wege von inter* Menschen, sich von der medizinischen Kontrolle ihrer Körper und ihrer Geschlechtlichkeit zu emanzipieren und sie sich auf kreative, je individuelle Weise wieder anzueignen.
Anja Gregor macht seit Beginn ihres Studiums und seither in verschiedenen Städten queer_feministisch-antisexistische Sachen und ist bestrebt, Privates politisch und Politisches privat sein zu lassen. Anja pendelt stetig zwischen queer inspiriertem Feminismus und feministischer Queer Theory, fragt sich, wie Intersektionalität und queer auch theoretisch zusammengehen können und findet Körper- und Sexpositivität in Theorie und Praxis immer wichtiger. Anja lohnarbeitet als wiss. Mitarbeiter*in in der theoretischen Soziologie der Uni Jena und ist ehrenamtlich im Vorstand des Jenaer Frauenhausvereins tätig.

Rosa Winkel, Regenbogen und Rote Rosen

[+] Mi, 28. Jun, 19 Uhr, ZHG 104

„Rosa Winkel, Regenbogen und Rote Rosen - Schwule Symbole im Film“
Multimedia-Vortrag mit Erwin In het Panhuis
Der gemeinsam genutzte Mantel ist wohl das älteste Symbol für eine gleichgeschlechtliche Beziehung. Es wurde bereits in der Antike verwendet – genauso wie der Hase als Fruchtbarkeitssymbol und die Lotus-Blume als Symbol für Potenz. Kleidung, Tiere und Pflanzen - seit Jahrtausenden verwenden wir Symbole für homoerotisches Begehren.
Schwule Symbole im Film können alles zum Ausdruck bringen, ohne dabei gesellschaftliche Tabus zu verletzen. Der Filmtitel "Wie die Karnickel" greift auf das gleiche Symbol wie in der Antike zurück. Über Symbole verstehen und erklären wir die schwule Welt: Wer in der Community von "Beuteschema", "Bären" und "Barebacking" spricht, wird sofort verstanden. Ein Film wie "Erdbeer und Schokolade" oder "Beefcake" soll Appetit auf Männer machen. Ohne den Kleiderschrank als Symbol würde es die Begriffe "Coming out [of the Closet]" und "Outing" gar nicht geben.
Symbole bestehen meist aus archetypischen Bildern. Sie können aber auch neu entstehen und sich verändern. Aus dem Lila der Schwulenbewegung um 1920 wurde in den 1970er Jahren das Rosa. Das KZ-Symbol des Rosa Winkels diente in der NS-Zeit der Stigmatisierung schwuler Männer und wurde später ein Zeichen schwulen Stolzes. Heute ist es die Regenbogenfahne, die als schwulenpolitisches Symbol auf eine bunte Szene verweist.
Der Referent Erwin In het Panhuis ist Diplom-Bibliothekar und Historiker. Er forscht seit Jahrzehnten zu homosexuellen Themen und hat für sein aktuelles Projekt zur Symbolik über 500 Filme aus mehr als 100 Jahren Filmgeschichte analysiert.

Trans* im Glück - Leben mit Transidentität

[+] Mo, 03. Jul, 18 Uhr, ZHG 104

"Trans* im Glück – Leben mit Transidentität"
Vortrag mit Prof. Dr. Livia Prüll
Das Phänomen der „Transidentität“ ist verstärkt seit etwa 1990 im Rahmen von Demokratisierungsprozessen zu einer Herausforderung für die entstehende wertepluralistische Gesellschaft geworden. Der Vortrag will die wesentlichen Aspekte des Themas aus der Sicht des transidenten Menschen umreißen. Nach einer Begriffsdefinition wird die Problemgeschichte von Trans* historisch aufgerollt. Ausgehend von der eigenen Biographie werden dann die Stationen und Herausforderungen des transidenten Lebens dargestellt. Der Vortrag soll ermöglichen, sich in den transidenten Menschen hineinzufühlen. Ferner soll gezeigt werden, dass sich der transidente Mensch aufrechten Ganges, eigenverantwortlich ("Empowerment") und ohne pathologisiert zu werden in der Gesellschaft bewegen kann. Transidente Menschen fördern Innovativität, sie machen das Leben bunt und sie bringen ihren Blickwinkel auf allen Ebenen ein. Damit leisten transidente Menschen auch einen Beitrag für die Gesellschaft: Sie stehen für Vielfalt und für die Demokratisierung unseres Landes.

Livia Prüll ist Professorin für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universitätsmedizin Mainz. Sie befasst sich mit der Geschichte der Biomedizin im 19. und 20. Jahrhundert und im Rahmen dieser Tätigkeit auch mit Transidentität und Transsexualität in historischer und medizinethischer Perspektive.

Wie behindert ist queer!? LSBTI mit Behinderung

[+] Mi, 12. Jul, 18 Uhr, ZHG 104

„Wie behindert ist queer!? LSBTI mit Behinderung“
Vortrag mit Till Amelung
Menschen mit Behinderungen haben in unserer Gesellschaft nach wie vor mit Ausschlüssen und Diskriminierungen zu kämpfen – allein schon deshalb, weil sie häufig nicht als Akteur_innen in sozialen Räumen mitgedacht werden. Allerdings gibt es Abkommen, wie die UN-Behindertenrechtskonvention, mit deren Unterzeichnung sich die Bundesrepublik Deutschland verbindlich zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen verpflichtet hat. In diesem Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, wie LSBTTI mit Behinderungen in queeren Zusammenhängen sichtbar sind. Es wird versucht, praktische Anregungen zu möglichen Verbesserungen für eine inklusivere Szene zu geben und in das Gespräch mit dem Publikum zu kommen.
Till Amelung, M.A. in Geschlechterforschung, arbeitet wissenschaftlich und politisch u.a. zu den Themenfeldern „Behinderung “ und „Transsexualität“ und ist seit mehreren Jahren als freier Referent tätig. www.tillamelung.wordpress.com