Elemente einer materialistischen Demokratietheorie

[+] Do, 04. May, 19 Uhr, ZHG 105

Elemente einer materialistischen Demokratietheorie
Irrwege und Entwicklungslinien in den Schriften Franz L. Neumanns
Spätestens seit der „Finanzkrise“ ist die Debatte über den Zusammenhang von Demokratie und Kapitalismus wieder en vogue und namhafte Wissenschaftler_innen widmen dieser Frage ganze Bücher. Sie ist jedoch nicht neu und mitunter lassen sich in älteren theoretischen Ansätzen Aspekte finden, die dabei helfen können, dieses Verhältnis präzise und in seiner Komplexität zu erfassen. Einen solchen Ansatz findet sich in der materialistischen Gesellschaftskritik Franz L. Neumanns, durch dessen Schriften sich die Frage nach diesem Verhältnis wie ein roter Faden zieht.
Doch die Rezeption seiner Theorie leidet an einem Schematismus: So wird behauptet, Neumann habe sich nach dem Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland von seiner materialistischen Kritik ab- und dem Projekt der liberalen Gesellschaft zugewandt. Marxismus und Liberalismus werden als sich scheinbar äußerliche und ausschließende Momente gegenüber gestellt. Diese Konfrontation ist wahr und falsch zugleich. Wahr, weil der traditionelle Marxismus – also auch derjenige Neumanns – fundamental gegen den bürgerlichen Liberalismus opponierte. Falsch, weil materialistische Gesellschaftskritik ohne ihren liberalen Kern gar nicht denkbar ist.
Ferner bleibt in diesem Schematismus unberücksichtigt, dass die Krise des Marxismus in der Great Depression und der Aufstieg des Nationalsozialismus für Neumann äußere Anlässe für einen Streit waren, der den Weg für seine Reinterpretation der Marx'schen Kritik ebnete. Dieser Streit mit dem Marxismus steht im Zentrum des Vortrags.
Anhand einer Rekonstruktion der Irrwege und Entwicklungslinien in den Schriften Neumanns wird illustriert, dass, was in der Rezeption seiner Theorie als 'liberal turn' erscheint, auch heute Ausgangspunkt in der Debatte um das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus sein sollte.
Felix Sassmannshausen ist Politikwissenschaftler und promoviert an der Universität Göttingen zur Aktualität der Gesellschaftskritik Neumanns. Seine Schwerpunkte sind Demokratietheorie, Kritik der politischen Ökonomie und Ideologiekritik.

Warum wir Linke über den Islam nicht reden können

[+] Fr, 05. May, 18 Uhr, T 01, Platz der Göttinger Sieben 2

Warum wir Linke über den Islam nicht reden können
Vortrag und Diskussion mit Sama Maani
Wie kommt es, dass viele Linke die Ablehnung des Islam als „rassistisch“ wahrnehmen – nicht jedoch die Ablehnung des Christentums? Dass Ressentiments gegen Türken oder Araber „Islamophobie“, Ressentiment gegen christliche Nigerianer jedoch nicht „Christentumophobie“ genannt werden? Warum wurden die Demonstranten des arabischen Frühlings in erster Linie als „Moslems“ bezeichnet, die Demonstranten der Occupy-Bewegung aber nicht als „christlich“? Warum reden wir, wenn wir vorgeben über den Islam zu reden, über alles mögliche andere (Terrorismus, Migration, „Integration“) – nur nicht über den Islam? Und: Was hat unser (Nicht-)Reden über den Islam mit unserer eigenen Beziehung zur Religion zu tun?
Der Vortrag mit Sama Maani ist organisiert von Association Progrès und dem FSR SoWi - Fachschaftsrat Sozialwissenschaften Göttingen.

Workshop: »Vor Antisemitismus ist man nur auf dem Monde sicher«

[+] Fr, 12. May, 12 Uhr, VG 2.102 - Verfügungsgebäude, Universität Göttingen

Antisemitismus als gesellschaftliches Querschnittsphänomen ist nahezu allgegenwärtig, darauf weist Hannah Arendt in ihrem für diese Veranstaltung titelgebenden Ausspruch hin. Die Zustimmungswerte zu traditionellen Formen des antisemitischen
Ressentiments sind zwar auch heute noch hoch, zusätzlich haben tradierte Formen des Antisemitismus allerdings Aktualisierungsprozesse durchlaufen und werden nun durch moderne Varianten des antizionistischen Antisemitismus und sekundären Antisemitismus ergänzt.
Seinen praktischen Ausdruck findet Antisemitismus nicht erst dann, wenn es zu Angriffen auf Personen kommt oder jüdische Einrichtungen bedroht werden, sondern bereits wenn „Judenwitze“ im Sportverein erzählt werden oder in verschwörungsideologischen Milieus eine „zionistische Weltverschwörung“ herbeifantasiert wird.
Die Bandbreite antisemitischer Ressentiments und
Ideologeme stellt die pädagogische Bildungsarbeit vor praktische Probleme. Vielfältige Ausdrucksformen, die zwar im Kern dieselben Ressentiments bedienen, sich in den Details aber dennoch grundlegend unterscheiden, müssen bearbeitet werden. Zusätzlich könnten auch die Adressaten kaum unterschiedlicher sein. Von linken Anhänger*innen der BDS-Bewegung über Menschen, die mit islamistischen Formen des Antisemitismus sympathisieren, bis hin zu Personen aus dem neonazistischen Spektrum – und allem dazwischen, denn auch die gerne beschworene gesellschaftliche „Mitte“ ist Träger entsprechender Ressentiments.
Der Workshop möchte sowohl die Dilemmata der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus thematisieren, als auch verschiedene Optionen anbieten, wie sich der Problematik in der pädagogischen Praxis angenähert werden kann. Die Veranstaltung ist
offen für alle Interessierten, das Vorhandensein von Grundwissen über Antisemitismus ist wünschenswert.
Der Workshop ist kostenlos, aber die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt. Anmeldung bitte unter:
anmeldung@fsr-sowi.de
Der Referent ist Mitarbeiter beim Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus