Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Die europäische Krise ist längst nicht ausgestanden. Der Fall Griechenland hat gezeigt, wie unbarmherzig der deutsche Hegemon auf dem Rücken der südeuropäischen Peripherie das kränkelnde Europa für den globalen Wettbewerb fitspritzen möchte. Dabei hat die europäische Austeritätspolitik die Krise noch verschärft, die zentrifugalen Kräfte innerhalb Europas angeheizt. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe wollen wir uns mit zentralen Fragen der aktuellen Krise auseinandersetzen: Was macht die deutsche Hegemonie in einem zunehmend postnational verfassten Europa aus? Droht der Kontinent im Kontrast zu dieser Entwicklung in nationalstaatliche Partikularismen zurückzufallen? Was macht eigentlich die europäische Linke und wieso liefert sie sich ein populistisches Wettrennen mit der europafeindlichen, nationalistischen Rechten?

Rainer Trampert: Europa zwischen Weltmacht und Zerfall

Mittwoch, 2. Dezember, 19 Uhr, ZHG 104

Rainer Trampert wird in seinem Vortrag zentrale Thesen seines Buches "Europa zwischen Weltmacht und Zerfall" vorstellen und mit einer Analyse aktueller Konflikte (Griechenland-Krise, Flüchtlingskatastrophe, ...) verbinden:

Trampert erklärt, warum Deutschland nicht erst durch den Euro zum Hegemon der EU aufgestiegen ist, dem auf der Höhe seiner Macht das Objekt derselben abhanden zu kommen droht. Er analysiert die deutsche Ideologie, etwa die Propaganda von der überlegenen europäischen Kultur gegenüber den USA, vom «gesunden nordischen Charakter» versus der «griechischen Krankheit», ein Begriff, der Kulturen beseitigen soll, die dem Kapitalismus noch Leben abtrotzen. Er räumt mit der Mär vom «guten Nachkriegskeynesianismus» auf, kritisiert den Linkskeynesianismus und behandelt das Thema «Krise und Verschwörungsphantasien». Er untersucht, ob die Motorisierung der Welt und die grüne Revolution neue Impulse bringen und stellt die Systemfrage. «Das linke Europa gibt es genauso wenig wie das linke Vaterland.» Die Marktwirtschaft ist historisch überholt, aber wo ist das Bewusstsein für eine neue Gesellschaft? Abschließende Gedanken über Europa, die Verdinglichung des Menschen, die Linke und die „griechische Krankheit“ als Etappe der Befreiung.
(...)
In Jordanien sind 20 Prozent der Einwohner syrische Flüchtlinge, in Deutschland setzt bei einem Prozent das Überforderungssyndrom ein, in Ungarn schon bei einem Flüchtling. Der europäische Zusammenhalt ist bereits durch nationale Konkurrenzen, die Umverteilung der Werte in die Zentren, die deutsche Hegemonie, durch nationalistische und regionalistische Zentrifugalkräfte gefährdet. Nun droht der schwelende Streit zwischen dem modernen humanistischen Lager und den abendländischen Blutsbewahrern und Faschisten zu eskalieren und Europa weiter zu zerreißen. Verbarrikadieren die Länder sich, rollen sie Stacheldraht aus, wann wird geschossen?

Zur Person:

Rainer Trampert, geb. 1946 in Heuwisch (Schleswig-Holstein). Industriekaufmann, Studium der Wirtschaftswissenschaften, Betriebsrat in dem Mineralölkonzern Texaco und Mitglied im KB in Hamburg, von 1982 bis 1987 einer der drei Vorsitzenden der Grünen Partei. 1989 ausgetreten. Trampert wohnt heute in Hamburg, schreibt Bücher und publiziert regelmäßig in der Wochenzeitschrift Jungle World und der Monatszeitschrift Konkret.

Seine Analysen über Themen der Zeit sind auch auf seiner Homepage nachzulesen.
Der Vortrag wird im Zentralen Hörsaalgebäude stattfinden, der genaue Raum noch bekannt gegeben.

Manfred Dahlmann: Der Euro und sein Staat

Dienstag, 8. Dezember, 19 Uhr, ZHG 105

Das wirkliche Problem, die politische Strategie Deutschlands gegenüber der anderer Staaaten richtig einschätzen zu können, besteht weniger darin, die veröffentlichten Verlautbarungen dazu richtig einschätzen zu können, sondern eher darin, die Kategorien aufzufinden, in die Deutschland aufgrund seiner Geschichte unweigerlich verstrickt ist, so sehr es sich auch bemüht, so zu erscheinen, als verfolge es ökonomisch und politisch dieselben 'legitimen' Interessen wie alle anderen Staaten auch, allerdings - und dies gerade aufgrund seiner Geschichte und im Sinne eines die Partikularismen überwindenden Universalismus - sehr viel konsequenter. Das stimmt sogar: Aber gerade diese Stimmigkeit der Politik Deutschlands in Bezug auf die vorherrschenden Modelle in den ökonomischen Wissenschaften ist das Pfund, mit dem es (praktisch, d.h. bei allen Geldbesitzern dieser Welt) wuchern kann, wo es um die 'richtigen' Krisenlösungsstrategien geht. Diesbezüglich ist, unter anderem, zu zeigen, dass gerade die Reflexion auf ihren Gegenstand, so wie die Ökonomen sie pflegen, jede Resistenzkraft gegen eine Politik vermissen lässt, die darauf zielt, im Interesse Deutschlands, die originär bürgerliche Ökonomie gegen sich selbst zu wenden.

Manfred Dahlmann ist u.a. Mitherausgeber der im ça ira Verlag erschienenen Gedenkschriften für Johannes Agnoli und Autor von "Freiheit und Souveränität. Kritik der Existenzphilosophie Jean Paul Sartres" (2013). Darüber hinaus ist er gemeinsam mit Gerhard Scheit, der im vergangenen Jahr auf Einladung des FSR Sowi in Göttingen referierte, Herausgeber der ideologiekritischen Wiener Zeitschrift "sans phrase" und schreibt in unregelmäßigen Abständen für die jungle World.

Die Versuche, Souveränität zu gestalten, blieben vielfältig, und sie waren unterschiedlich erfolgreich. Dies lädt dazu ein, die gegenwärtigen Verhältnisse in Europa nicht einfach als Abweichung von der nationalstaatlichen Norm zu betrachten, sondern als Ergebnis einer dynamischen Weiterentwicklung, für die eine angemessene Begrifflichkeit erst noch gefunden werden muss. […] Die EU ist weder ein Bundesstaat im Werden noch ein Imperium und schon gar nicht ein Großraum, der von einem Zentrum dominiert wird. Sie bildet eigene Formen von Staatlichkeit aus – und zwar in einem dynamischen Transformationsprozess, der noch nicht an seinen Endpunkt gelangt ist“ – so denkt es in der Zeitung für Deutschland. (F.A.Z., 18.08.15) Allerdings, so ließe sich ergänzen, ist der gesuchte Begriff historisch längst gefunden: Im Begriff des Nationalsozialismus als der negativen Aufhebung bürgerlicher Nationalstaatlichkeit und dem Versuch, im Ausnahmezustand die „Aufweichung von Erstarrungen und Verkrustungen“ zum Zwecke der „Bildung neuer nationalpolitischer Gemeinschaften“ (Joseph Goebbels) zu erlangen.

Im habermasianisch beseelten akademischen Ideologensprech jener Pro-Europäer, die zwar ständig von einer anzustrebenden „politischen Union“ daherreden, deren postnationale Vorstellungen aber kein europäisches Gewaltmonopol kennen können und wollen, äußert sich die für jede europapolitische Debatte typische Verdrängung von Souveränität. In dieser wirkt nach, dass Europa durch einen gewaltsamen Eingriff von außen von der deutschen Vorstellung einer Einigung Europas befreit werden musste. So verlängert dieser Irrsinn den des institutionellen Gefüges der EU noch und landet nicht zufällig stets beim kommunikativen Appeasement gegenüber islamischer Gegenaufklärung und der Anklage eines „anachronistischen“ bürgerlichen Nationalismus amerikanischer oder israelischer Prägung, der eine strukturell doch der Befreiung harrende Welt in ihrem Fortschritt hindere.

Weiter links zeigt man sich unterdessen um radikal klingende Staatskritik bemüht, unterscheidet sich jedoch beispielsweise in Frankfurt von dem offiziellen Motto des Landes Hessen für die Jubiläumsfeierlichkeiten zur Deutschen Einheit - „Grenzen überwinden“ - im Slogan „Grenzen abschaffen - Deutschland überwinden!“ nur noch graduell in der Bewertung deutscher Staatlichkeit. So hat es dort zuweilen den Anschein, als missbrauche man die nach Europa Geflüchteten als vermeintliche Avantgarde einer postnationalen Ordnung, während die eigene Rolle bei der Modernisierung deutscher Ideologie gar nicht mehr in den Blick gerät.

Warum es den Vorstellungen eines „transnationalen“ Europas ohne einigenden Souverän, der Forderung nach der sofortigen Abschaffung aller Grenzen unter den fortdauernden Bedingungen von Staat und Kapital oder der Sehnsucht nach dem autarken Volksstaat gegenüber darauf ankäme, die europäische Krise mit den Augen des Westens zu sehen, wie sich nicht zuletzt an der Debatte um die sog. „Griechenlandkrise“ im vergangenen Jahr zeigen lässt, soll Gegenstand des Vortrags sein.

Der Autor schreibt unter anderem für die Zeitschrift Bahamas. Der Vortrag wird im Zentralen Hörsaalgebäude stattfinden, der genaue Raum noch bekannt gegeben.

© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017