Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Rechtsextremismus heute

Erscheinungsformen völkischer Ideologie

Es ist 2015 und in Deutschland brennen wieder Asylunterkünfte und zum 9. November, dem Jahrestag der Pogrome von 1938, der dem Gedenken der Opfer vorbehalten sein sollte, marschieren Rechte durch deutsche Großstädte. Gerne wird im Nachgang dann immer darauf verwiesen, dass es ja auch großen Zivilgesellschaftlichen Widerstand geben würde. Denn gegen Nazis sind dann ja doch alle irgendwie. Gerne übersehen wird dabei, wie anschlussfähig rechtes Gedankengut an Diskurse in der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft ist. Diese Reihe will in einigen Vorträgen die völkische Ideologie aufzeigen, wie man sie heutzutage in Deutschland vorfindet, aber auch ihre Anschlussfähigkeit an die angebliche Mitte der Gesellschaft beleuchten. So werden wir uns mit völkischen Siedler*innen im ländlichen Raum und rechten Strömungen in der Ökologiebewegung beschäftigen. Einen Blick auf die Geschlechterverständnisse sowie verschwörungstheoretisches Denken innerhalb der extremen Rechten werden. Und ganz grundsätzlich die Frage stellen, warum in Medien und Politik, aber auch in der Gesellschaft an einer willkürlichen Trennung zwischen braver Mitte und gefährlichen Extremisten festgehalten wird.

Anna Schmidt: Völkische Siedler_innen im ländlichen Raum

Donnerstag, 19. November, 18 Uhr, ZHG 104

Rechtsextreme versuchen seit Jahren den ländlichen Raum mit der vermeintlich »intakten Volksgemeinschaft« gegen die städtische »Multikulti«-Globalisierung als Alternative in Stellung zu bringen und untermauern dies durch strategische »Raumgreifungsversuche« und Immobilienkäufe. Teil dieser Strategie sind die Völkischen Siedlungsprojekte, die auf eine langfristige Beeinflussung der Alltagskultur ausgerichtet sind. Ihr Ziel ist die Etablierung einer völkischen Gemeinschaft und der Aufbau eines autarken, nationalen Wirtschaftsnetzwerks. Siedlungsbestrebungen finden sich in ganz Deutschland. Siedler_innen haben sich in Bayern, Hessen, der Lüneburger Heide, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Schleswig-Holstein niedergelassen. Bei den Behörden ist das Phänomen der Völkischen Siedler nur vereinzelt bekannt. Doch besteht die Gefahr, dass die Völkischen Siedler_innen versuchen, durch aktive Mitwirkung in regionalen Ökologieprojekten sowie in Vereinen, Erziehungseinrichtungen, Kirchenstrukturen und anderen Gruppen ihre Akzeptanz zu erhöhen und gleichzeitig ihre teils rassistische Ideologie zu verbreiten.
Der Vortrag will sich mit dem Phänomen dieser völkischen Siedler_innen grundlegend auseinandersetzen und versuchen die unterschiedlichen Erscheinungsformen darzustellen sowie die dahinter liegenden Motive und die Einbettung in die rechte Szene zu skizzieren.

Anna Schmidt ist Mitarbeiterin der Amadeu-Antonio-Stiftung und Verfasserin der Broschüre »Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum. Basiswissen und Handlungsstrategien«

In einer sächsischen Kleinstadt gründet sich nach mehreren Übergriffen von Neonazis ein Bündnis gegen Extremismus und Gewalt – mit am Tisch der Stadtrat der NPD. Nach Protesten werden sowohl dieser als auch die Räte der Partei die Linke vom Bündnis ausgeschlossen. In München wird einer antifaschistischen Bildungsinitiative die Gemeinnützigkeit aberkannt, weil sie im Bericht des Verfassungsschutzes als linksextrem bezeichnet wird.
Trotz der vermeintlichen Abschaffung der Extremismusklausel müssen Initiativen gegen rechts weiterhin ihre Kooperationspartner auf Verfassungstreue hin untersuchen. Nach wie vor vergibt die Bundesregierung Gelder für die Prävention von Linksextremismus, ohne zu wissen was das genau sei. Wenige Monate nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialisten Untergrunds NSU warnt die Konrad Adenauer Stiftung vor einem neuen Linksterrorismus…
Diese Liste ließe sich fortsetzen. Den Vorkommnissen gemein ist, dass sie sich auf das Konzept des politischen Extremismus beziehen. Dieses Konzept wird von Politiker_innen fast aller Parteien, politischen Stiftungen, Behörden, Sicherheitsorganen und Wissenschaftler_innen vertreten und gibt eine strikte Trennung zwischen Demokrat_innen und Extremist_innen vor. Doch nach welchen Kriterien wird diese folgenschwere Grenze gezogen? Wie verhalten sich die theoretischen Ansprüche zur praktischen Umsetzung des Konzepts? Und warum ist der Reflex, von Linksextremismus zu sprechen wenn Neonazis Thema sind, so weit verbreitet?
Diese und andere Fragen sollen in dem Vortrag und einer anschließenden Diskussion erörtert werden.

Der Referent Maximilian Fuhrmann evaluierte am Deutschen Jugendinstitut Bildungsprojekte gegen „Linksextremismus“ und promoviert zurzeit „über die Wirkmächtigkeit des Extremismuskonzepts“ an der Universität Bremen.

Verschwörungsmythen sind fast allgegenwärtig: im Alltag, in der Populärkultur, in der Politik. Ihre Verfechter sind Linke und Rechte, Religiöse und Säkulare, Einzelne oder ganze Gruppen, und so ziemlich alle(s) dazwischen. Sie 'wissen' wer das Wetter kontrolliert, die Fabrik nebenan schließt oder Krankheiten und Krieg in die Welt bringt, warum Elvis noch lebt, das World Trade Center in New York einstürzte oder Herrschaft, Ausbeutung und Leiden unser aller Leben prägen. Obwohl sich Verschwörungsmythen mit unendlich vielen Einzelheiten und Details umgeben, ist ihre Form die Erklärung der Welt aus einem Punkt, und mit klaren, mächtigen, und gerade deshalb verborgenen und bedrohlichen Verantwortlichen. Innerhalb dieser Erklärungsmuster „besteht die größte List des Teufels […] gerade darin, den Glauben zu erwecken, er existiere überhaupt nicht“ (Léon Poliakov).

Die Veranstaltung wird anhand 'klassischer' und aktueller Beispiele von den „Protokollen der Weisen von Zion“ bis zu 9/11 und den sog. „Mahnwachen für den Frieden“ in die Geschichte, Struktur und Funktion von Verschwörungsmythen und des paranoiden Denkens einführen. Zusätzliche Aufmerksamkeit wird dabei deren vielfach gegebenen Zusammenhang mit antisemitischen Ressentiments gewidmet. Im Mittelpunkt wird die Beschaffenheit und innere Verbindung von deren Form der Erklärung der Welt stehen: Warum entfalten Verschwörungsmythen Wirkungsmacht? Und lernen wir aus ihnen etwas über ein konkretes Ereignis, oder doch viel mehr über die Einzelnen und die Gruppen, die sie sich aneignen, und über den Zustand ihrer Gesellschaft?

Florian Hessel (Bochum) ist Sozialwissenschaftler und Mitglied des Instituts für Sozialtheorie e.V.

„Wie kann eine Frau nur so eiskalt sein?“ So oder ähnlich titelten viele Medien nach der Selbstenttarnung des NSU und der Festnahme von Beate Zschäpe im November 2011. Im Februar 2015 verteidigte sich eine Frau vor Gericht die angeklagt war, auf der gewalttätigen Demonstration im Oktober 2014 in Köln (HoGeSa – Hooligans gegen Salafisten) unter anderem einen Hitlergruß gezeigt zu haben. Dies stritt die Angeklagte mit der Begründung ab, sie würde offen lesbisch leben.
Die Beispiele verweisen darauf, dass Rechtsextremismus ein gesellschaftliches Feld ist, das in seiner Rezeption, aber auch in seinen eigenen Interaktionspraxen weit davon entfernt ist, sich „jenseits der Geschlechtergrenzen“ zu positionieren.

Noch immer überwiegt ein Bild über rechte Szenen, das sich vor allem durch das Merkmal Männlichkeit auszeichnet. Für Rechtsextremistinnen bedeutet das, dass sie häufig unerkannter wirken können und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, unterschätzt wird.
In dem Vortrag werden diese Thesen anhand mehrerer Beispiele beleuchtet und ausgebaut. Darüber hinaus soll die Bedeutung von Gender für das Konstrukt der völkisch-rassistischen „Volksgemeinschaft“ sichtbar gemacht werden. Die anschließende Diskussion schließt dabei auch Schnittmengen mit gesamtgesellschaftlichen Debatten um geschlechterpolitische Themen ein.

Johanna Sigl, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Marburg und promoviert am Methodenzentrum der Universität Göttingen über „Verläufe der Zuwendung und Distanzierung von der extremen Rechten unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterdimensionen und -interaktionen“. Sie ist Mitglied im Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus.

Seit Jahren versuchen militante Neonazis und rechte Ideologen mit ökologischen Themen zu punkten. Die NPD protestiert gegen Gentechnik, Kameradschaften demonstrieren gegen Castor-Transporte und Autonome Nationalisten gegen Schweinemastbetriebe und für Vegetarismus. In Umwelt & Aktiv warnen Autoren vor zerstörerischer Wachstumspolitik und beklagen einen Raubbau an der Natur. Werden rechte Ökobauern enttarnt, löst deren Engagement immer wieder Überraschung aus. Bürgerinitiativen zeigen sich verwundet, wenn extrem Rechte mitmischen.
Dabei haben Nazis immer schon gesellschaftliche Widersprüche aufgegriffen und gemäß ihrer Welt­anschauung interpretiert, um neue Anhänger_innen zu rekrutieren. Das gilt für die soziale Frage, die Frauenbewegung wie für Ökologie. Zumal Umweltschutz traditionell ein Thema der Rechten ist.

Die Lebensreformer und Heimatschützer des Kaiserreichs und der Weimarer Republik waren überwiegend konservativ bis völkisch-antisemitisch. Ideen und Personen aus diesem Spektrum prägten noch die moderne Ökologiebewegung und die Gründungsphase der Grünen. Die Bio­zen­tristen und Tiefenökologen, die sich im Umfeld von Protestbewegungen der 1970er Jahre entwickelten, verbinden Esoterik mit prinzipieller Menschenfeindlichkeit. Sie agitieren gegen Einwanderung und eine angebliche Überbevölkerung. Parolen der Neuen Rechten gegen Homogenisierung, für kulturelle Differenz und ein Recht auf Heimat sind längst in linke und ökologische Diskurse eingegangen.

Peter Bierl arbeitet als freier Journalist u.a. für die Jungle World und Der Rechte Rand und ist Autor des Buches „Braune Grüne. Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von Rechts“

© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017