Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Kritische Einführungswochen des FSR SoWi

Im Rahmen der Einführungswochen für Erstsemester an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät Göttingen möchte der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften einige begleitende Veranstaltungen im Sinne einer „kritischen“ Orientierungsphase veranstalten. Unter dem Titel „Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ wird der FSR SoWi mit einigen Bündnispartnern ein Programm von mehreren Vorträgen und Workshops sowie begleitendem Unterhaltungsprogramm auf die Beine stellen. In der geplanten Veranstaltungsreihe soll es auf einer möglichst einführenden Ebene eine Einladung in diejenigen gesellschaftskritischen Theoretiker geben, die der akademische Betrieb bloß noch randständig akzeptiert oder in selbstsicherer Manier ausgeschieden hat. So soll es beispielsweise Vorträge zur Marxschen Kritik der politischen Ökonomie und zu den kritischen Theoretikern um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno geben. Ebenso ist es Ziel, aktuelle politische Entwicklungen aus einer kritischen Perspektive zu beleuchten, so zum Göttinger Verbindungswesen und zu Antisemitismus und Antizionismus im Nahost-Konflikt. Wir betrachten die „kritische Orientierungsphase“ als Versuch, den nach Göttingen kommenden Erstsemestern – und gerne auch darüber hinaus – schon zu Beginn ihres Studiums einige kritische Impulse mit auf den Weg begeben, bevor sie sich auf die Jagd nach Credit-Points und selbstveredelnden Schlüsselkompetenzen im spätkapitalistisch durchrationalisierten Universitätsalltag machen. Auch wenn die Studierenden immer jünger werden, denken wir doch, dass der ein oder andere Neugöttinger*innen ein diffuses Nichteinverstandensein mit an die Uni bringt. Ihnen wollen wir die Möglichkeit geben, sich in den ersten Wochen in der neuen, spannenden Umgebung ein Bild davon zu machen, was Gesellschaftskritik heißen kann.

Dr. Patrick Feuerstein: Warum Sozialwissenschaften studieren?

Dienstag, 20. Oktober, 19 Uhr, ZHG 010

Welche Ansprüche und Selbstansprüche verbinden sich mit der Entscheidung, ein sozialwissenschaftliches Fach zu studieren? Worin unterscheidet sich ein Studium der Sozialwissenschaften von anderen Studiengängen und was bedeutet das für Studierende?

Dr. Patrick Feuerstein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Göttingen mit den Schwerpunkten Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft.

Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007/2008 ist immer wieder davon zu lesen, dass „der Kapitalismus“ keinen Spaß macht und auch nicht richtig funktioniert. Dabei ist das, was die Menschen unter „Kapitalismus“ verstehen, sehr unterschiedlich.

Ein wichtiger Denker, der sich an einer umfassenden Kritik der modernen Gesellschaft versucht hat, war Karl Marx. Was genau der geschrieben hat, wissen nur die wenigsten – und auch die wenigen, die sich mit ihm beschäftigt haben, sind sich keineswegs einig über das, was sie da gelesen haben.

Trotz allem arbeiten sich sozialwissenschaftliche Theorien bis heute immer mal wieder an Marx ab. In dieser Veranstaltung wollen wir nicht nur versuchen, einen Überblick über das Leben und Werk von Karl Marx zu geben, sondern auch schauen, was sich in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Probleme und sozialwissenschaftliche Fragestellungen von Marx lernen lässt.

Die Kritische Theorie ist auch heute noch ein klangvoller Name im akademischen Betrieb. Ernst genommen wird das Denken der linken Intellektuellen um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno jedoch von den wenigsten. Wahlweise unterstellt man ihm, „metaphysischer Unsinn“ oder Ausdruck der kulturpessimistischen Stimmung der 1930er und 1940er Jahre zu sein, aber keinesfalls ernsthafte Wissenschaft zu sein. Und tatsächlich: mit reiner Wissenschaftlichkeit hat die Kritische Theorie nicht viel am Hut. Sie war zwar nie antiakademisch, und doch zeichnet sie die Reflexion auf gesellschaftliche Erfahrung, auch und gerade auf das unmittelbare individuelle Leiden der Theoretiker selbst, als notwendiges Moment der eigenen Begriffsbildung aus. Die Bedeutung des außerakademischen Impulses - d. h. der Erfahrung der desillusionierenden Realität, des Mitfühlens mit dem vom objektiven Gang der Dinge produzierten individuellen Leiden und der von vielen als Unsinn denunzierten messianischen Hoffnung auf eine Welt ohne Angst - ist es, was die Differenz der Kritischen Theorie zu allen anderen Ansätzen, Sozialforschung zu betreiben, ausmacht.

Der Vortrag möchte anhand einer Skizze der Entwicklung der Kritischen Theorie, die untrennbar mit der Erfahrung des Scheiterns der noch von Marx prophezeiten kommunistischen Revolution und der folgenden nationalsozialistischen und stalinistischen Schreckensherrschaft verbunden ist, eine Idee davon vermitteln, was das Denken vor allem Horkheimers und Adornos ausmacht. Diese Darstellung muss zwangsläufig unvollständig bleiben, doch lädt sie hoffentlich dazu ein, sich ein wenig eingängiger mit den kritischen Theoretikern zu beschäftigen – ohne dabei selbstgefällige Traditionspflege zu betreiben.

Julian Schenke ist wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Demokratieforschung. Hannes Keune arbeitet ebenfalls dort und ist im FSR SoWi Referent für Kritische Theorie.

Mit Association Progrès und DIG-Hochschulgruppe Göttingen

In der deutschsprachigen Nahost-Diskussion trifft man immer wieder auf die Behauptung, der Antisemitismus in den arabischen und islamischen Ländern sei ein Resultat des Nahost-Konflikts. Dagegen soll verdeutlicht werden, inwiefern der arabische und islamische Antisemitismus eine der zentralen Ursachen dieses Konfliktes ist, dessen Verlauf maßgeblich bestimmt hat und bis heute prägt. Der Vortrag wird sowohl die Vorgeschichte der israelischen Staatsgründung skizzieren als auch auf die aktuelle Bedrohung des jüdischen Staates durch das iranische Regime und die diversen Spielarten des Islamismus eingehen.

Stephan Grigat ist Gastprofessor für kritische Gesellschaftstheorie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Lehrbeauftragter an der Universität Wien und wissenschaftlicher Direktor von STOP THE BOMB. Er ist Autor von „Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke & die iranische Bedrohung“ (Konkret 2014) und Mitherausgeber von „Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur & ihrer europäischen Förderer“ (Studienverlag 2008) sowie „Iran im Weltsystem. Bündnisses des Regimes & Perspektiven der Freiheitsbewegung“ (Studienverlag 2010).

Die meisten Studentenverbindungen sind Männerbünde. Ihre moderne Form entstand zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als der einheitliche Nationalstaat und die bürgerliche (Geschlechter-)Ordnung durchgesetzt wurden.

Wehrhaftigkeit, Mut, Aufopferungsbereitschaft für das nationale Kollektiv und nicht zuletzt Triebbeherrschung und Unterordnung – Studentenverbindungen hatten immer eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie Männlichkeit zu sein habe und wozu Männer bereit sein müssten. Dies ist jedoch nur durch den Ausschluss von "Weiblichkeit" und der Abwertung von vermeintlich weiblichen Attributen zu haben: Homophobie und Sexismus stellen daher zwei Kernbestandteile männerbündischer Idealvorstellung dar.

Im Vortrag soll eine einführende Annäherung an die politischen und psychologischen Grundlagen des Männerbundes vorgenommen und diese in einen gesellschaftlichen Kontext eingeordnet werden.

Um zu begreifen, wie es mit dem Geschlechterverhältnis in der Kritischen Theorie aussieht, sollte man sich zunächst mit der Subjektkonstitution bei Horkheimer und Adorno auseinandersetzen. Das Subjekt konstituiert sich im Anschluss an diese Beiden im Verhältnis von Naturbeherrschung und Naturverfallenheit. Seit dem Beginn der Subjektkonstitution versucht das Individuum die äußere wie die eigene, innere Natur zu kontrollieren und bleibt doch als lebendiger Mensch auf sein Natursubstrat bezogen, dem es sich auch nicht durch ein vergeistigtes Verhältnis zur Natur entziehen kann. Dieses Verhältnis muss aus Sicht der Kritischen Theorie auch für das Geschlecht angenommen werden. In der "Dialektik der Aufklärung" heißt es:

"Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt."1

Das bedeutet, dass die Subjekte nicht nur zweckrational handelnde und potentiell austauschbare Exemplare ihrer Gruppe sind, sie besitzen auch männliche Züge. Somit ist die Dialektik der Subjektkonstitution nicht ohne Geschlecht zu denken. Diese Dialektik bewegt sich zwischen der Kontrolle der eigenen Triebe und dem Wunsch seine Gelüste auszuleben.

Die poststrukturalistischen bzw. postmodernen Positionen innerhalb der Geschlechterforschung leugnen diese Dialektik, bzw. da wo sie nicht direkt geleugnet wird, lösen die Vertreterinnen und Vertreter dieser Richtung diese einseitig auf. Nicht erst seit Judith Butler wird zwischen sex (biologisches Geschlecht) und gender (sozial hervorgebrachtes Geschlecht) unterschieden. Wo noch in der analytischen Aufteilung potenziell ein Wechselspiel zwischen biologischen und zivilisatorischen Momenten möglich ist, wird Geschlecht bei Butler zu einer rein sozialen Größe.

"Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist."2

Wegen der Leugnung des „Täters hinter der Tat“.3 und der Entleiblichung des Geschlechtskörpers wurde Butler schon früh vorgeworfen, dass sie idealistisch sei.4 Auch ihre Erwiderungen darauf konnten nicht aus dem Dilemma führen, dass bei ihr das Subjekt sekundär gedacht wird; es wird, genau wie das Geschlecht, erst durch Machtverhältnisse bzw. dem Diskurs hervor gebracht. Damit bringen die Verhältnisse das Subjekt erst hervor und nicht, wie es Marx und Engels betonen, andersherum:

"D.h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt."5

Wie sich nun das Subjekt in der Kritischen Theorie konstituiert und wie dies mit dem männlichen Geschlechtscharakter zusammenhängt, ist ein weites Thema. In diesem Vortrag soll ein Einstieg in dieses Denken ermöglicht werden und dabei die Vorteile benannt werden, die eine theoretisch-kritisch ausgerichtete Geschlechterforschung davon tragen kann. Dazu werden Bereiche der psychoanalytischen Theorie Freuds gestreift und sich näher mit dem Odysseus-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung" auseinandergesetzt. Denn zum einen sind einige Theoreme Freuds unverzichtbar für das Verständnis der Kritischen Theorie des Subjekts und zum anderen liefert die Odyssee ein Modell anhand dessen die Subjektkonstitution aus Sicht von Horkheimer und Adorno verständlich gemacht werden kann.

Mario Wolf hat in Göttingen studiert und sich in seiner Abschlussarbeit mit dem Verhältnis von Kritischer Theorie und Feminismus auseinandergesetzt.

1

Die Dialektik der Aufklärung, 2014, S. 56.

2

Das Unbehagen der Geschlechter, 1991, S.24.

3

Das Unbehagen der Geschlechter, 1991, S.209.

4

Feministische Studien, Heft 2, November 1993, Einleitung.

5

Die deutsche Ideologie, 1969, S. 26.



© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017