Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Überlegungen zur Bedeutung der Kritik an Studentenverbindungen und Burschenschaften für eine feministische Gesellschaftskritik.

Mit freundlicher Genehmigung von sub*way.

Es ist nicht leicht zu sagen, was Studentenverbindungen und Burschenschaften mit dem Rest der Gesellschaft zu tun haben. So archaisch wirken sie, aus der Zeit gefallen, und alle, die den Spiegel lesen, wissen: Burschen sind mindestens seltsam, nationalistisch und frauenfeindlich. Dieses Urteil greift jedoch zu kurz und das nicht zufällig. Denn wer sich wirklich auf die Suche begäbe, müsste doch zugestehen, dass Studentenverbindungen und Burschenschaften mehr mit der „bürgerlichen Mitte“ zu tun haben, als einer_m lieb ist.

Zunächst einmal sind Studentenverbindungen so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst. Burschenschaften haben seitdem den Nationalismus durch ihren Einfluss in elitären Positionen geprägt: 1815 gegründet in der nationalistischen Euphorie der antinapoleonischen Kriege, einflussreich bei der Konturierung des deutschen Nationalstaats nach der Reichsgründung 1871 (Stichwort: nation-building – im Kaiserreich waren mindestens 60% der Studenten Verbinder) und antirepublikanisch durch ihre Verwobenheit mit dem reaktionären Treiben gegen die Weimarer Republik. Sie formierten sich neu zum Wiederaufbau der Nation in den 50er Jahren.1 Das Ganze hat insofern etwas mit einer spezifisch deutschen Entwicklung zu tun, als dass sich hier Burschenschaften erst herausbilden konnten – in den USA, den Niederlanden oder Großbritannien gibt es zwar Studentenverbindungen, aber ohne den nationalen Auftrag. Dort geht es „nur“ um Elite-Erziehung. Burschenschaftliche Männerbünde haben die Entwicklung des deutschen Nationalstaates seit ihrer Gründung beeinflussen wollen, hatten einen Effekt auf den deutschen Nationalismus und deutsche Geschlechterkonzeptionen.

Sie vertraten zu jeder Zeit ein spezifisches Männlichkeitsideal, das sie immer auch in die Konzeption der Nation und ihrer Geschlechterentwürfe miteinzubringen versuchten. Mit ihren Idealen von Nation und Geschlecht sind sie Ausdruck der patriarchalen Gesellschaft in ihrer Gewordenheit, auch heute noch: Was als abstraktes Prinzip – nämlich als patriarchales Prinzip – immer noch das Geschlechterverhältnis bestimmt, wird im Männerbund als konkretes Projekt angegangen. Des-halb ist der Männerbundbegriff für die feministische Kritik wichtig. In ihm verdichtet sich der Zusammenhang von Sexualität, Nationalismus und Kapitalismus. Den Männerbund zu kritisieren heißt, sich anzuschauen, wie es um die psychologische Struktur seiner Subjekte bestellt ist und was dies mit bürgerlicher Männlichkeit per se zu tun hat. Denn auch wenn die liberalisierte Öffentlichkeit und der neoliberale Kapitalismus Frauen in den Arbeitsmarkt miteinbeziehen, Geschlechterrollen sich verändern, die Kleinfamilie und die damit verbundene Arbeitsteilung sich auflösen und Formen des Zusammenlebens und Arbeitens pluralisiert werden – bestimmte ideologische Formen in Bezug auf das Geschlechterverhältnis sind noch immer die gleichen. Das Bedürfnis, Frauen abzuwerten, sie als besonders emotional darzustellen, sie als in manchen Bereichen weniger fähig zu erachten, ist immer noch da: Die staatliche Gleichstellung und die Liberalisierung der Öffentlichkeit stehen in Kontrast zur psychologischen Komponente, sodass sich von einem materiellen und ideologischen Auseinanderfallen sprechen lässt. Burschen, die fechten und saufen, pöbeln und Gentleman spielen, sind tatsächlich aus der Zeit gefallen und verkörpern ein Männlichkeitsideal, mit dem heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist, weil es (zum Glück) öffentlich diskreditiert ist. Aber die Grundprobleme männlicher Zusammenschlüsse, die psychologische Zurichtung ist in ähnlichen Formen ja noch weit verbreitet. Studentenverbindungen sind also einerseits überholt, andererseits dient das, was sie tun, immer noch als ideologischer Referenzpunkt. Denn das, was wir bei den Burschen in zugespitzter Form finden, gibt es nicht nur bei diesen Reaktionärsten der Reaktionären: In den postfordistischen Subjekten selbst ist Regressives enthalten, nicht nur in den konservativen Backlashs dieser Gesellschaft.


Wie der Männerbund zustande kam…

Studentenverbindungen waren bis in die 70er Jahre reine Männerbünde – die meisten sind es noch heute. Auf den Internetseiten fast aller Studentenverbindungen findet sich die Betonung von Freundschaft und Lebensbund. Im 19. Jahrhundert hatte sich eine spezifisch deutsche Idee von Geschlechterrollen entwickelt, die maßgeblich mit der Idee der Männerfreundschaft verknüpft war. Der deutsche Freundschaftskult, im Sturm und Drang um 1800 noch pathetisch beschworen,2 hatte sich durch die antinapoleonischen Kriege verändert: Im neuen Männlichkeitsideal ging es darum, die männliche Freundschaft aller erotischen Elemente zu entkleiden. Die Autonomie und der Selbstzweck der Freundschaft wich der Ausrichtung auf‘s Vaterland. Zugleich wurden Umarmungen und Küsse zunehmend mit Argwohn betrachtet. Der Kampf um die Nation zählte mehr als die Individualität, Liebe hatte der Nation zu gehören. Institutionell drückte sich das neue Ideal unter anderem in den ab 1815 entstehenden Burschenschaften aus. Der Freundeskreis wich dem Bund, dem Männerbund.

Ende des 19. Jahrhunderts konnten Verbinder und Burschenschafter mit der Schlagkraft dieses Bundes gegen die Erste Frauenbewegung und gegen die Gefahr einer „Entmännlichung“ der Politik und einer „Feminisierung“ des Staates kämpfen. Zur gleichen Zeit kamen im Deutschen Reich vehemente Debatten über Homosexualität auf, die mit sexueller Ausschweifung (dem Gegenteil von Triebbeherrschung), Heimlichkeit und Unmännlichkeit verbunden wurde: „Deutschland nimmt dabei insofern eine Sonderstellung ein, als es seit der Wende zum 20. Jahrhundert stärker als jede andere Nation mit Debatten über Homosexualität beschäftigt war.“3 Während über das Geschlechterverhältnis und die Sexualmoral, sexuelle Laster und männliche Homosexualität diskutiert wurde, fand der Begriff des Männerbundes Verbreitung: Nicht zufällig, war ja die hegemoniale Männlichkeit ins Wanken geraten und musste verteidigt werden. Die Debatten um den Männerbund als Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklung und diejenigen um männliche Homosexualität wurden von einigen Zeitgenossen gar verknüpft: Sie machten eine dünne Grenze zwischen Schwulsein und dem „Männerhelden“ des Männerbundes aus.

Die auch heute noch vorhandeneunheimliche Asexualität des Männerbundes verweist darauf, dass an dem Gedanken etwas dran ist. Doch der Unterschied ist, dass im Männerbund nichts lustvoll ausgelebt wird, sondern die latente Homoerotik, die besteht, wenn die Kameradschaft und Freundschaft des Männerbundes beschworen werden, wenn der (nackte) männliche Körper zentral ist und Sport eine so große Rolle spielt, aggressiv verdrängt wird. Die immerzu verdrängte, aber präsente homoerotische Ästhetik findet sich auch im Deckengemälde des Burschaftsdenkmals der Deutschen Burschenschaft in Eisenach, das 1902 errichtet wurde: Dort sind potente nackte (überwiegend männliche) Gestalten der germanischen Mythologie zu sehen.


Was bei ‘rum kommt: ein homophober autoritärer Charakter

Die Verdrängung führt – ob es sich dabei um eine Studentenverbindung oder einen anderen Männerbund handelt – zumeist zu einem autoritären Charakter seiner Mitglieder, wobei ihr Bedürfnis nach einfachen Herrschaftsverhältnissen (wie in Banden und Gangs) sehr wichtig ist. Die verdrängte Homoerotik spielt deshalb eine so große Rolle, da das Begehren im homosozialen Zusammenhang geleugnet und nach außen projiziert werden muss. Es ist so – da kann man gut auf die Psychoanalyse zurückgreifen – dass eigene Regungen, die jedoch von der Gemeinschaft (also hier dem Männerbund) tabuisiert sind, oft auf andere übertragen und dort als falsch, böse oder schlecht bekämpft werden: „Da er die Begierde sich nicht zugestehen darf, rückt er dem anderen als Eifersüchtiger oder Verfolger auf den Leib.“4

Den männlichen Charakter (überhaupt, aber vor allem in der Studentenverbindung) herauszubilden, ist eine mühsame Angelegenheit und mit viel Härte gegen sich selbst verbunden. In hierarchisch organisierten Studentenverbindungen muss man beim Fechten Mut beweisen, beim Bierkonsum über die eigenen Grenzen hinaus gehen und sich von Älteren schikanieren lassen: derstandard.at berichtet von einem Aussteiger, der als Fux „Erniedrigung und totale Fremdbestimmung“ erlebt hatte, als er sich auf dem Klo unter Druck der Älteren rasieren musste. Er habe schon vorgehabt, die Burschenschaft zu verlassen, da er die „rassistischen, antisemitischen, ausländer- und frauenfeindlichen Witze“ satt gehabt habe.5 In Studentenverbindungen geht es um Kameradschaft und Wettbewerb zugleich (was ohnehin essentiell ist für bürgerliche Männlichkeit), um Aufgehobensein in der Gemeinschaft um den Preis des Schmerzes. Und da den männlichen Charakter herauszubilden so schmerzhaft ist, die Konkurrenz so hart, die Zurichtung von Körper und Geist so total, richtet sich der Ärger darüber gegen Leute, deren Handeln, Eigenschaften oder Besitz verlockend scheint, weil vermeintlich einfacher, schwächer oder sinnlicher: als Sexismus oder Homophobie oder Antisemitismus. Nun ist die Härte in (schlagenden) Studentenverbindungen außergewöhnlich – ihr Elite-Dünkel und die Vorstellung der eigenen Position innerhalb der kapitalistischen Konkurrenz ist es jedoch auch. Somit sind Verbinder ein Ausdruck davon, wozu Leute fähig sind, wenn sie das Hauen und Stechen im Kapitalismus mit einem nationalen Auftrag verknüpfen, und zeigen auf, was das psychologische Endprodukt ist: ein äußerst autoritärer Charakter. Der männliche Charakter im Männerbund mit seiner Dramatisierung der Männerrolle ist insofern tatsächlich die zugespitzte Form ganz „normaler“ bürgerlicher Männlichkeit.

Im Männerbund ist es noch wichtiger, nicht als schwul zu gelten, dass kein schwules Begehren zugelassen wird und man nicht in den Verdacht gerät, schwach oder weiblich zu sein – der Widerspruch zum Selbstbild wäre zu krass und der Männerbund konkret gefährdet, wenn Männer in ihm Beziehungen miteinander anfingen. Lust, Sexualität und Sinnlichkeit werden dann überhaupt aus der Männergemeinschaft verwiesen und stattdessen wird sich asketisch für den Bund aufgeopfert, sich ungebrochen mit dem tyrannischen „Vater“ – also dem Bund, den Alten Herren, den Fuxmajoren, dem Biervater – identifiziert. Auch daher der besonders autoritäre Charakter, der keinerlei Reflexion kennt.

Es ist übrigens kein Widerspruch, dass tatsächlich einige Schwule in Studentenverbindungen und vielleicht sogar Burschenschaften sind: „,Bei uns haben wir auch einen stadtbekannten Schwulen‘, sagt stolz Roman von der Marchia Bonn“,6 schrieb die taz 2005 anlässlich des Burschentages in Eisenach. Das sollte wohl Toleranz und Pluralismus suggerieren. Diese Toleranz, die ein Zugeständnis an die liberalisierte Öffentlichkeit ist, ist jedoch brüchig.7 Auf der Internetseite der Oberösterreicher Germanen Wien hört sich das als Meinungsfreiheit verkleidete Ressentiment, das sich anlässlich des Outings des Fußballers Hitzlsperger Ausdruck verschafft, so an:

„Sobald man an diesen Tagen eine Zeitung aufschlägt […] wird einem dieser ehemalige Fußballer von zweifelhaftem Erfolg präsentiert, der nun, nach seinem Karriereende, dazu auserkoren worden ist den Heilsbringer zu spielen, der Homosexualität im professionellen Sport als normal gelten lassen soll. Man mag es vielleicht auf die Ermangelung echter Helden schieben, dass es nun diesen Feigling trifft, als Speerspitze einer Bewegung herumgereicht zu werden. Jetzt, da er keinen Anfeindungen auf dem Platz, sei es von gegnerischen Spielern, aber vor allem gegnerischen Fans, ausgesetzt ist, ja jetzt lässt es sich leicht schwul sein und voll aufgeplustertem Stolz schmalzig in alle Kameras lächeln, die einem ins dümmlich grinsende Gesicht filmen. Und die Medien, die sich heutzutage an grenzenloser Armseligkeit zu übertreffen versuchen, spielen dieses Spiel natürlich gerne, denn homosexuell zu sein ist in der heutigen Zeit in unseren Breitengraden ja ach so verpönt.“8

Während hier vor allem ein Rundumschlag gegen Gleichstellungstendenzen und erodierende Männlichkeit („Ermangelung echter Helden“) die Homophobie ausdrückt, lassen andere Burschen dem blanken Hass freien Lauf. Anlässlich der schwulen Hochzeit eines Bundesbruders der aus der DB ausgetretenen Alemannia Köln faselte der Danube9 Fred Duswald in der österreichischen Nazi-Zeitung „Die Aula“10 11/2010:

„Vier junge Bundesbrüder wurden als Statisten für ein homosexuelles Pilotprojekt mißbraucht, das offensichtlich dazu dienen soll, in korporationsstudentischen Männerbünden das „Mannesmannverfahren“ zu „popolarisieren“. Die Organe der Deutschen Burschenschaft dürfen schwule Umtriebe nicht auf sich beruhen lassen. Homosex ist kein harmloses Hobby und die Burschenschaft kein Schwuchtelklub. Wird Schwulsein Usus, ist die Burschenherrlichkeit im Nu entschwunden. Welcher normal veranlagte Student mag sich zum Eintritt in eine Korporation entschließen, wenn er befürchten muß, durch Sittenstrolche sexuell belästigt zu werden? Unter keinen Umständen darf die Deutsche Burschenschaft in den Ruf einer Brutstätte geraten, wo aus der Unzucht eine Tugend gemacht wird. Die Aftermoral der Parteien, die die Homosexualität legalisiert haben, ist für die Burschenschaft nicht bindend. Burschenschafter sind nicht schwul und das ist besser so. Warme Brüder müssen gefeuert, Eiterherde ausgebrannt werden. Die Kölner Alemannen haben nicht den Rhein, sondern den Rubikon überschritten. Am andern Ufer haben Burschenschafter nichts zu suchen.”

Genauso wie dieser Tage etwa die konservativ-religiöse Empörung über „Indoktrination von Schulkindern“ in Frankreich oder Baden-Württemberg, mutmaßt auch Duswald, es handele sich um ein „Pilotprojekt“ mit Zweck und ist damit ganz paranoid und verschwörungstheoretisch unterwegs. Die Angst vor Unterwanderung („die Burschenschaft kein Schwuchtelklub“), die Rhetorik der übermächtigen Homosexualität und des Schwulseins als neuer Normalität („Usus“, „Brutstätte“, „aus der Unzucht eine Tugend“) hauen ebenfalls in diese Kerbe. Zugleich wird hier deutlich, dass „die Schwuchtel“ als verweiblichter Mann gedacht wird und so den harten Anforderungen des Männerbundes Burschenschaft nicht gerecht würde. Die Klischees, man würde von den „Sittenstrolchen“ belästigt, sowie auch das krasse biologistische und pathologisierende Vokabular („Eiterherde“), die schlechten Wortwitze, die Abwertung und das Verächtlichmachen, sind nur die hassvolle Krone des Ganzen.


Der Männerbund als Welt ohne Frauen – Der Lebensbund mit Ehefrau

Die Polemisierung gegen „Genderwahn“ zieht sich im burschenschaftlichen Jargon durch:

„Willkommen bei der Burschenschaft Olympia! Bist Du normal geblieben, sind Political Correctness und Genderwahn spurlos an Dir vorbeigezogen? Du empfindest Gemeinsinn und Fröhlichkeit als unverzichtbar und betrachtest Aufrichtigkeit, Pflichtbewußtsein und Studienerfolg als Zeichen Deiner Charakterstärke? Dann laden wir Dich ein, die schärfste Burschenschaft Wiens kennenzulernen!“11

Die Olympia Wien kokettiert mit Sexyness und Potenz („die schärfste Burschenschaft“) und setzt die alleinige Aufnahme von Männern als so selbstverständlich voraus, dass nicht einmal mehr erwähnt werden muss, dass Frauen ausgeschlossen sind (obwohl sie ja auch Interesse an Studienerfolg oder Charakterstärke haben könnten). Studentenverbindungen erklären die Nicht-Aufnahme von Frauen häufig entweder mit dem Verweis auf „Konfliktpotenzial“ oder die Möglichkeit von Beziehungsstreits – dies offenbart nochmal, dass sie sich schwule Beziehungen auf den Häusern nicht einmal vorstellen können.

Oder sie argumentieren mit (Fußball) Vereinen oder Tradition – als handle es sich mehr oder weniger um eine Frage des Geschmacks. Doch dahinter steckt natürlich mehr: Die Verbinder suggerieren die Möglichkeit einer Reproduktion ohne Frauen, einer lebenslangen Familie ohne weibliche Angehörige: Zwischen Biervater und Bundesbruder tut sich eine eigene Welt an Regeln und Werten auf, die scheinbar ganz ohne Frauen auskommt. Jedoch nicht vollständig: Der Besuch von Damen auf dem Haus und die Anwesenheit der ganzen Familie bei Ausflügen oder Stiftungsfesten stellt die Schnittstelle zwischen der entrückt-esoterischen Sphäre des Männerbundes und der realen Welt dar: Nur durch die Anwesenheit von Frauen auf den Häusern lässt sich die Studentenverbindung überhaupt als Lebensbund realisieren: Privatleben und Kameradschaft werden so verbunden. Insofern tragen Ehefrauen beim WKR-Ball oder Freundinnen beim Sommerfest zur Existenz des burschenschaftlichen Männerbundes bei, sind Teil des konservativen bis faschistischen Milieus und nicht etwa Opfer des dort herrschenden Geschlechter- und Weltbildes – eben nicht nur schmückendes Beiwerk. Einerseits gibt es also diese und andere idealisierte Frauenbilder und eine rigide Sexualmoral, die vor allem das Verhalten und die Rolle von Frauen bestimmt, was sich auch in den Stellungnahmen zu Bevölkerungspolitik oder Abtreibung niederschlägt.12 (Ehe)Frauen, die als Damen aufs Haus kommen, sind respektabel. Darunter jedoch – als konsequenter Begleiter – existieren andererseits die sexistischen Fantasien, die sich auf jedem Verbindungsparty-Flyer Ausdruck verschaffen. Auch Statements von Frauen, die diese Partys besuchen, geben Aufschluss über die dort vorherrschenden Geschlechterbilder:

„‚Es ist wie bei Gossip Girl, der TV-Serie: Nach jeder Party erzählt man sich die neuesten Geschichten. Dabei seinen Ruf zu wahren ist schwer, aber sehr wichtig für mich. Ich möchte nicht als Couleurmatratze gelten.‘ Ein Mädchen mit dem Ruf, dass sie für jeden zu haben ist, sei auf keinem Haus mehr gern gesehen.“13

Doch sind Burschen nicht „nur“ ideologisch antifeministisch – in Geschichte und Gegenwart –, sondern auch strukturell. Ähnlich wie andere Männerbünde, wie der Andenpakt14 in der CDU/ CSU oder der Bund der „Similauner“15, halten sie Frauen aktiv aus Posten fern. Das Gleichheitsversprechen der Aufklärung, das zumindest auf dem Feld der kapitalistischen Konkurrenz Frauen mehr und mehr miteinbezieht, soll der Ansicht dieser Herren nach rückgängig gemacht werden. Dass Frauen keine Chance haben, von den Seilschaften zu profitieren, oder aktiv gegen Frauen in Führungspositionen angegangen wird, ist zutiefst antiliberal. Mit der ideologischen Umwälzung, der Liberalisierung der Öffentlichkeit in Bezug auf weibliche Lohnarbeit, Gleichstellung von Frauen und zunehmender Akzeptanz von Homosexualität, geht eine Veränderung der ökonomischen Verhältnisse einher: Der fordistische Kapitalismus mit dem Patriarchen an der Spitze des Betriebs ist nicht mehr. Die Zeit des großen weißen Mannes geht auch auf der ökonomischen Ebene zu Ende – doch genau dagegen wollen sich die Burschenschafter und Verbinder wappnen.


Die Burschenschaften und der Rest der Gesellschaft

Burschenschaften sind heute marginal – in Deutschland mehr noch als in Österreich – und haben kaum noch Einfluss. „Gemessen an der Gesamtbevölkerung Österreichs sind 4000 Männer, die gerne mit Säbeln […] kämpfen, gemeinsam deutsche Lieder singen und vor allem Seilschaften knüpfen, die lebenslang halten, eine verhältnismäßig kleine Gruppe.“16 Dennoch hat die extreme Rechte durch die Umstrukturierung der Deutschen Burschenschaft in den letzten Jahren einen schlagkräftigen akademischen Arm gewonnen. In der FPÖ17 sind Korporierte so gut vertreten wie noch nie.18

Auch wenn Verbinder in konservativen Kreisen sexy sein mögen, ist doch gesamtgesellschaftlich eine Pluralisierung von Geschlechterentwürfen zu verzeichnen, die ihre geschlechterpolitische Agenda als Relikt der 50er Jahre erscheinen lässt. Somit verkörpern sie ein Männlichkeitsideal, dass eigentlich kaum noch wen hinterm Ofen hervorlocken sollte. Doch das Gegenteil ist der Fall: Burschenschaften und Studentenverbindungen stehen immer wieder im Fokus. Sie bedienen ein Bedürfnis, indem sie ein geschlechterpolitisches Orientierungsangebot schaffen.

Der seltsam-mystifizierende Blick der Kritiker von Spiegel, Zeit und auch linker Herkunft auf den Männerbund als Ort „authentischer“ Männlichkeit verrät, dass er seine mythologische Funktion als Aufbewahrungsort dieser Männlichkeit erfüllt. Männerbünde stellen eine Projektionsfläche für ganz normale Männer dar. Männlichkeit braucht die Projektionsfläche der vermeintlich asexuellen mann-männlichen Gemeinschaft um sich davon idealtypisch abzugrenzen oder um sich damit zu identifizieren, ohne selber Teil davon zu sein. Von „normalen“ Männern wird auf den Männerbund projiziert, was an männlichen Regungen mittlerweile gesellschaftlich diskreditiert ist: Im Männerbund kann aber die Männlichkeit ausgelebt werden, die im Rest der Gesellschaft scheinbar pluralisiert ist, für den männlichen Charakter aber als Verbot daher kommt – damit gewinnt der Männerbund so etwas wie die Aura der Faszination und des Befreienden. Egal ob zustimmend oder ablehnend: Es gibt kein gleichgültiges Verhältnis zum Männerbund.

Jedoch sollte man nicht – wie Spiegel, SZ und Zeit – zu sehr das Augenmerk auf die „krassen Burschenschaften“ legen: Denn dann verliert man die „ganz normalen Männerbünde“ und den Rest der Gesellschaft zu schnell aus den Augen. Hauptsächlich kann man an Studentenverbindungen die Kritik am Rest der Gesellschaft und an ihren ideologischen Grundlagen schärfen. Der Männerbund ist und bleibt ein relevanter Faktor für die Kritik bürgerlicher Männlichkeit, denn in ihm wird idealisiert, was im Rest der Gesellschaft latent vorhanden ist.



Fußnoten

1

Die DB wurde 1950 wiedergegründet als größter Korporationsverband der BRD. 1962 gehörten bundesweit rund dreißig Prozent der männlichen Studierenden einer Verbindung an. In den 1950er und 60er Jahren trugen sie zur Remaskulinisierung und Rekonstruktion des hegemonialen Männlichkeitsmodells bei.

2

Die Literatur etwa war voller mann-männlicher Umarmungen und Küsse. Klopstock: Der Zürchersee. 1750: „Aber süßer ist noch, schöner und reizender | in dem Arme des Freundes wissen ein Freund zu sein! | So das Leben genießen, | Nicht unwürdig der Ewigkeit“ Der Historiker George L. Mosse stellt fest: „Deutschland war es, wo die Ideale persönlicher Freundschaft am klarsten artikuliert wurden, vielleicht deshalb, weil solche Bindungen unter den Deutschen zum Teil als Surrogat für die verlorene nationale Einheit [„verloren“ ist vielleicht nicht der passendste Ausdruck – sub*way] und als Hilfe bei dem Versuch, diese wiederzufinden, dienen konnten.“

3

Christopher Treiblmayr: Männerbünde und Schwulenbewegung im 20. Jahrhundert. In: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010. (http://ieg-ego.eu/de/threads/transnationale-bewegungen-und-organisationen/internationale-soziale-bewegungen/christopher-treiblmayr-maennerbunde-und-schwulenbewegung-im-20-jahrhundert/?searchterm=Männerbünde%20und%20Schwulenbewegung&set_language=de).

4

„Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm Selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden. Das in Aggression umgesetzte Verpönte ist meist homosexueller Art. […] Der Vaterhass [wurde] als ewige Ranküne verdrängt.“ (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a.M.: Fischer 1998, S. 201.)

5

Der Standard: „Ich habe Erniedrigung und totale Fremdbestimmung erlebt“ http://derstandard.at/1389859292564/Ich-habe-Erniedrigung-und-totale-Fremdbestimmungerlebt (5.Februar 2014)

6

taz: Burschenschafter wollen nüchtern sein. https://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/05/23/a0147 (23.5.2005)

7

Beziehungsweise das, was „Toleranz“ immer ist: Hinzunehmen, dass es die „Anderen“ gibt, ohne sie jedoch anzuerkennen.

8

Akademische Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien (13.1.2014) http://www.obergermanen.at

9

Die DB- und BG-Burschenschaft Danubia München ist in der Vergangenheit zum Beispiel dadurch aufgefallen, dass sie immer wieder vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuft wurde. 2001 versteckte sie einen Neonazi nach einem rassistischen Überfall auf ihrem Haus. Duswald war in den 70er Jahren Führungskader der neonazistischen NDP.

10

„Die Aula. Das freiheitliche Magazin“ ist ein 1951 gegründetes rechtsextremes österreichisches Monatsmagazin. Das Magazin sieht sich als Sprachrohr der „national-freiheitlichen“ Studentenverbindungen Österreichs.

11

Olympia Wien: http://olympia.burschenschaft.at

12

So etwa der Vortrag bei der damaligen DB-Burschenschaft Hannovera Göttingen 2009: „Ein Volk entsorgt seine Kinder. Abtreibung im real existierenden Liberalismus.“

13

Couleurdamen: Warum Mädels mit Verbindungsstudenten abhängen http://fudder.de/artikel/2011/10/12/couleurdamen-warum-maedels-mit-verbindungsstudenten-abhaengen/ (12.10.11)

14

Dies ist eine Struktur von Männern, die 1979 gegenseitige Unterstützung bei der politischen Karriere vereinbarten und sich versprachen, nicht gegeneinander zu kandidieren.

15

Dabei handelt es sich seit 1992 um einen Zusammenschluss von Topmanagern und Konzernchefs aus der deutschen Wirtschaft.

16

Der Standard: Männer mit besten Verbindungen. http://derstandard.at/1389860517528/Maenner-mitbesten-Verbindungen (14.2.2014).

17

Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) ist eine nationalistische und rechtspopulistische Partei in Österreich, die im Nationalrat und neun Landtagen vertreten ist. Zahlreiche Mitglieder der FPÖ sind oder waren Mitglieder von Studentenverbindungen.

18

Vgl.: Der Standard: Männer mit besten Verbindungen.

© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017