Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Auch im Wintersemester 2014/15 organisiert der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften wieder eine Reihe von Vorträgen, die sich mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Phänomenen auseinandersetzen möchten. Wie in den vergangenen Semestern auch laden wir Referentinnen und Referenten ein, die sich aus der Perspektive einer kritischen Theorie der Gegenwart mit den von ihnen gewählten Gegenständen auseinander setzen, deren Durchdringung überhaupt erst den Zwangscharakter von Gesellschaft offenbart. So werden wir unter anderem über die zentrale Bedeutung der Unterdrückung der Frau in der männlichen Subjektkonstitution und den postmodernen Rationalitätsbegriff diskutieren.
Darüber hinaus wird es Vorträge zu aktuellen politischen Entwicklungen geben, zum Beispiel zur Terrorherrschaft des Islamischen Staats in Syrien und im Irak, zur Islamisierung der Türkei unter der AKP oder auch zu den antisemitisch-antizionistischen Protesten und dem de facto Nichtverhalten der deutschen Öffentlichkeit im Zuge des Gaza-Kriegs in diesem Sommer. Die Art und Weise, wie sich staatsoffizielle wie nicht-öffentliche Meinung hierzulande zu den (islamistischen) Feinden der – zugegeben: immer prekären - bürgerlichen Freiheit verhalten, lässt tief blicken, wie es um die deutschen Verhältnisse im Jahr 2014 bestellt ist.

27,9 Prozent der Deutschen vertreten einer Umfrage zufolge die Ansicht: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ Genauso viele glauben: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.“ Gar 40 Prozent meinen: „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser.“ Als sich Israel im Sommer 2014 einmal mehr gegen den Raketenterror der Hamas verteidigen musste, kam es in deutschen Städten zu großen Aufmärschen, auf denen Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Jude, Jude, feiges Schwein“ gerufen wurde und es zu tätlichen Angriffen auf pro-israelische Gegendemonstranten kam. Die Polizei griff nicht ein.

In deutschen Schulbüchern für das Unterrichtsfach Geschichte finden sich Sätze wie: „Israel stellt tagtäglich seine Überlegenheit als Besatzungsmacht demonstrativ zur Schau, indem es palästinensische Häuser zerstört, palästinensischen Grund und Boden beschlagnahmt, die Palästinenser demütigt und ihnen unmenschliches Leid zufügt.“ Sowohl die NPD als auch die Grünen reichen parlamentarische Anträge ein, in denen nahezu wortgleich eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus den israelischen Siedlungen gefordert wird; andere wollen sogar einen Warenboykott. Deutsche Medien veröffentlichen Karikaturen, die den israelischen Premierminister als Giftmischer zeigen, und Kommentare, in denen behauptet wird, er führe „die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs“.

Die weitaus meisten westlichen Politiker betrachten derweil nicht etwa das iranische Atomprogramm oder Terrororganisationen wie die Hamas und die Hisbollah, sondern die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten als „Haupthindernis für den Frieden im Nahen Osten“. Wenn ihnen die Frage gestellt wird, warum Juden in einem prospektiven palästinensischen Staat eigentlich nicht leben dürfen sollen, sind sie hellauf empört.

Wie kommt es, dass Israel immer wieder dämonisiert und ihm de facto das Recht abgesprochen wird, sich gegen seine Feinde zur Wehr zu setzen? Warum wird diesen Feinden so viel Verständnis gezollt oder gar Sympathie entgegen gebracht? Weshalb ist die sogenannte Israelkritik vor allem hierzulande so ungeheuer populär, und was treibt sie an – in der Politik, in den Medien, in der Bevölkerung?

Alex Feuerherdt (45) ist freier Autor und lebt in Köln. Er schreibt regelmäßig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zu den Themen Antisemitismus und Nahost, unter anderem für die Jüdische Allgemeine, Konkret, den Tagesspiegel und die Jungle World.


Der Vortrag wird sich aus der Perspektive einer an Theodor W. Adorno geschulten kritischen Theorie der Gesellschaft mit postmodernem Denken, zum Beispiel dem Subjektbegriff bei Judith Butler, auseinandersetzen. Genauere Infos folgen.

Dr. Helmut Heit ist Wissenschaftler an der TU Berlin und dort Projektleiter im Rahmen eines "Dilthey-Fellowships". Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählt unter anderem Nietzsches Wissenschaftsphilosophie.


© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017