Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Liebe Kommiliton*innen der Sowi-Fakultät,
an der Sowi-Fakultät werden in verschiedenen Fächern, u.a. Soziologie und Politik, Veränderungen in Modulen, Studienplan und Studieninhalten geplant und durchgeführt. Dabei wird angedacht Prüfungsvorleistungen wieder einzuführen. Der Fachschaftsrat Sowi wird versuchen eine Entscheidungsfindung ohne die Betroffenen zu verhindern – studentische Interessen müssen von entscheidender Bedeutung sein! Wenn nicht nach den Gründen der Probleme (z.B. mangelnder Textlektüre, Anwesenheit und Interesse) gefragt wird, ist eine autoritäre Lösung des Problems oft vorprogrammiert.
Damit eure Vorstellungen aber auch einfließen können, müssen wir sie kennen. Deshalb laden wir euch zur:


Vollversammlung
aller Studierender der Sowi-Fakultät (Sowi-VV)
am 14.01.2015, 16 Uhr, Raum ZHG 006



ein. In diesem Text stellen wir unseren Diskussionsstand und unsere Erstüberlegungen, gegliedert nach Zielen, Prüfungsleistungen, Seminar- und Vorlesungsgestaltung vor. Lest es euch durch, bezieht Position, tauscht euch aus, kommt vorbei und meldet euch gern unter:



1. Ziele unter den Bedingungen des Bachelor-Master-Systems


Gesellschaftlich bedingt können wir nicht einfach studieren wie wir wollen, sondern nur innerhalb der gegebenen Strukturen. Dennoch können wir diese Strukturen sinnvoller gestalten. Um ein Studieren befreiter von verschiedenen Zwängen, nach eigenen Interessen und Schwerpunkten zu ermöglichen, liegen diesem Entwurf folgende Ideen zu Grunde:

  • Auswahlmöglichkeit zwischen Prüfungsleistungen

  • Freie Modulwahlen (Anrechnung vereinfachen)

  • Notendruck minimieren

  • Credit- und Prüfungszwang zurückdrängen

  • Verschulung aufhalten

  • Kooperation und Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden fördern

  • Keine Zusatzleistungen

  • Kritische Inhalte und Themenvielfalt fördern

  • Kritischer Umgang mit dem Studienstoff

  • Genügend Seminar- und Tutorienplätze garantieren

  • Regelstudienzeit diskutieren


2. Kritische Vorgeschichte


Unter dem Schlagwort „employability“ sollte mit Bologna das gesamte Studiensystem auf die Befriedigung von unmittelbaren Marktinteressen ausgerichtet werden. Studieninhalte sollten an ökonomischer Verwertbarkeit (Praxisrelevanz, Jobbezug, etc.) orientiert werden und die bevormundende Verregelung (Fristen, Anwesenheitspflicht, Kreditpunkte, Pflichtkurse) dazu führen, dass Studierende genauso wie Lehrende vor allem zur Erfüllung von Anforderungen und zu Konformität erzogen werden. Diese Anforderungen gewinnen durch den Appell zur Eigenverantwortung und Selbstmanagement, kombiniert mit steigenden Leistungserwartungen, kürzeren Studiendauern und härteren Rahmenbedingungen ein Belastungslevel, das optimal auf die moderne, flexible, "selbstveranwortliche" Arbeitswelt vorbereitet.
Wie in allen Bereichen führt die Orientierung am Prinzip der Profitmaximierung auch in Universität und Wissenschaft in eine gesellschaftliche Sackgasse. Die Uni als Institution der Wissenschaft muss sich entsprechend ihrer öffentlichen Verantwortung als gesellschaftliche Akteurin um die Lösung gesellschaftlicher Probleme kümmern. So kann das Studium nur ein Teil des Prozess der positiven Gesellschaftsveränderung sein.
Daher kämpfen wir im Rahmen der Studienreform dafür, das universitäre Lernen von Zwängen zu befreien und es mit einem kritischen Gesellschaftsbezug zu durchwirken. Dabei sind Form und Inhalt des Studiums nicht voneinander zu trennen: Gesellschaftskritik lässt sich nicht in einer Multiple-Choice-Klausur abprüfen. Erste Erfolge wurden durch den Bildungsstreik 2009 durchgesetzt, wie zum Beispiel:

  1. die Abschaffung der Anwesenheitspflicht

  2. und der Zusatzleistungen.

werden zurzeit von den Dozierenden wiederholt verlangt, was gegen die derzeitige Prüfungsordnung verstößt.



3. Allgemeines zum Studium


Eine Ausweitung der Streichcredits auf 60 Credits ist für eine Minderung des Notendrucks unerlässlich. Zusätzlich fordert der FSR ein unbenotetes erstes Studienjahr, mit Notenbekanntgabe auf Wunsch, um einen guten Einstieg und Orientierung statt Schulatmosphäre und Notenstress zu schaffen. Um die Kooperation zwischen Dozierenden und Studierenden zu fördern, fordern wir ein Mitspracherecht bei der Seminargestaltung, wie es einige Dozierende schon anbieten. Zusätzlich sollte eine Reflexion des Moduls schon während des Semesters und nicht nur am unverbesserlichen Ende, stattfinden. Kritische Inhalte sind weitgehend von den einzelnen Dozierenden abhängig. Wir fordern einen verstärkter Einbezug der Studierenden bei der Auswahl von Dozierenden und deren Weiter- und Neubesetzung. Ein kritischer Bezug auf den Studienstoff wird nur individuell ermöglicht, bspw. durch Diskussionsräume und sich widersprechende Theorien. Auch ein geringeren Leseaufwand fördert die intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt.



4. Gestaltung der Vorlesung


Um die Vorlesung attraktiver zu gestalten, haben wir uns als FSR einige Anregungen und Verbesserungsvorschläge überlegt, die hier nur kurz vorgestellt werden.
Didaktisch würden wir eine weniger starre Vorlesung begrüßen, in der zu mehr Diskussionen angeregt wird. Dies könnte, je nach Teilnehmendenzahl, durch offene Fragen seitens der Lehrenden und durch Kleingruppendiskussionen auf Seiten der Studierenden realisiert werden.
Inhaltlich bietet es eine willkommene Abwechslung, wenn Inhalte mehr Tagesaktualität bekommen, sie an praktischen Beispielen veranschaulicht oder der*die Dozierende ihre*seine aktuelle Forschung vorstellt und auf sie Bezug nimmt. Somit kann auch zu Diskussionen und Reflexionen außerhalb der Vorlesung angeregt werden.



5. Modulorganisation


Wir sprechen uns dafür aus, dass Seminare weitgehend unabhängig vom Modul gewählt werden können und somit für jedes Modul zugänglich sind. Dadurch können starre Studienordnungen umgangen und Seminare nach eigenen Interessen modulunabhängig gewählt und angerechnet werden. Eine Kennzeichnung der Komplexität und Anforderung von Seminaren könnte hier Abhilfe schaffen. Zusätzlich sollten Pflichtmodule minimiert und studentisch organisierte Seminare gefördert werden.
Tutorien müssen in der Creditanzahl aufscheinen. Sonst dürfen sie keine zusätzlichen Inhalte vermitteln, die als Prüfungsstoff abgefragt werden. Tutorien dürften ansonsten nur als „Nachhilfe“ zur jeweiligen Veranstaltung angesehen werden. Sobald Tutorien notwendig für eine gute Note werden, muss die Organisation und Prüfung des Moduls grundsätzlich verändert werden.



6. Prüfungsleistungen


Wir glauben, dass für ein interessengeleitetes und selbstbestimmtes Studium, neben freier Kurswahl, auch eine Wahlmöglichkeit der Prüfungsform gegeben sein sollte. Hierbei sollen die Studierenden in ihrer Auswahl frei und nicht an Vorgaben durch Dozierende gebunden sein. Der FSR bietet zu dieser Problematik folgende Lösungsmöglichkeiten an:

6.1 Prüfungsleistungen bei Vorlesungen

Die Studierenden haben die Wahlmöglichkeit, mit welcher Prüfungsleistung Vorlesungen abgeschlossen werden: Klausur, Hausarbeit, Essays, Portfolio. Falls sich Studierende für eine Klausur entscheiden, gliedert sich diese in zwei Teile: offene Fragen und Reproduktionsfragen.

6.1.1 Gestaltung der Klausur

Um selbstständiges, interessengerichtetes und kritisches Denken der Studierenden zu fördern und einer Verschulung des universitären Studiums entgegenzuwirken, sprechen wir uns für Auswahlmöglichkeiten innerhalb der Klausur und einen größeren Anteil der offenen Fragen aus.
Aus den genannten Gründen halten wir folgenden Aufbau einer Klausur für sinnvoll:
Wir diskutieren, ob weniger als 25 Prozent der Klausur aus reproduktiven Fragen bestehen sollte. Die Reproduktionsfragen sollen thematisch in verschiedene Blöcke aufgeteilt werden. Die Studierenden haben die Möglichkeit zwischen diesen zu wählen. Mehr als 75 Prozent der Fragen sollten einen argumentativ-reflexiven Charakter besitzen, um das selbstständige Denken der Studierenden zu fördern.
Grundsätzlich geht es um die Möglichkeit, eine Klausur mit nur argumentativ-reflexiven oder nur reproduktiven Fragen bestehen zu können.

Exemplarischer Aufbau einer 90 Punkte Klausur (Bsp. Soziologische Theorie)

  • Sechs thematische Blöcke von Reproduktionsfragen à 30 Punkten. (Bsp.: Weber, Durkheim, Parsons, etc.)

  • Sechs offene, argumentativ-reflexive Fragen à 30 Punkte. (Bsp.: Wie unterscheidet sich das Konzept von Macht bei Weber und Parsons, Stelle deine Kritik an Durkheims Konzept von Selbstmord dar, etc.)

Die Studierenden können nun entscheiden, ob sie 90 Punkte nur mit Reproduktionsfragen oder nur mit offenen Fragen oder gemischt erreichen wollen. 15 Minuten sind vor Beginn der Klausur zur Auswahl der Fragen vorgesehen. Die Auswahloption ermöglicht ein interessengeleitetes Studium mit Spezialisierung und Vertiefung und verringert den Leistungsdruck.

6.2 Prüfungsleistungen bei Seminaren

Aktuell sind Prüfungsleistungen, wie etwa Hausarbeit, Referat mit schriftlicher Ausarbeitung oder einem Portfolio vorgesehen. Diese sind jeweils für das Modul vorgeschrieben und können nicht frei gewählt werden.
Wir fordern die Wahlfreiheit zwischen unterschiedlichen Prüfungsleistungen und sehen darin eine interessensgerichtete Selbstbestimmung der Studierenden, von der auch die Lehrenden letztendlich profitieren. Denn die Studierenden werden bezüglich ihrer Prüfungen mehr Motivation an den Tag legen, wenn sie nach ihrem Interesse eine Prüfung über ein eigen gewähltes Thema ablegen dürfen und somit keine zwanghafte Wiedergabe von Thematiken erfolgt wie bspw. bei den allzu beliebten und frustenden Referatsseminaren.
Mögliche Prüfungsleistungen können sein:

  • Mündliche Prüfung, Kurstagebuch, Essays, Kurztexte, Protokolle, Dispute, Thesenpapiere, Stunden-/Seminarleitung, Referat mit Portfolio, etc.

Wann diese Prüfungsleistungen von den Studierenden letztendlich erbracht werden, während des Semesters oder zu Semsterende, soll ihnen überlassen sein. Dadurch kann Prüfungsstress entzerrt werden und ein selbstbestimmtes Studium wird realistischer. Diese Änderung wirkt sich dann auf die Zufriedenheit sowohl der Studierenden, als auch der Lehrenden aus, wenn diese mehr Freiraum bekommen und sich durch individuelle Zeitplanung aktiver in die Seminargestaltung einbringen können. Studium und Leben wird somit besser vereinbar und autoritäre Zwänge gemindert.



7. Kritischer Abgang – Bologna als universitäre Kreuzigung


Freies und selbstständiges Denken, Freiheit von Forschung und kritischer Lehre, eine humanistische Menschenbildung im Kontext eines Humboldtschen Bildungsideals werden der derzeitigen Situation in manchen Vorlesungen / Seminaren an der Georg-August-Universität Göttingen nicht gerecht.
Durch die Bologna-Reform werden Universitäten mehr und mehr zu standortgerechten Dienstleistungshochschulen, welche das Humankapital der Studierenden anreichern soll, um die „employability“ der Menschen für den Arbeitsmarkt zu gewährleisten. Während die Universität immer eine Instution zur Disziplinierung von Menschen war, ist durch die Reform eine zunehmende Orientierung an einem transatlantischen Bildungsverständnis spürbar. Die kaum versuchte Idee der kritischen Persönlichkeitsbildung durch universitäre Lehre wird zunehmend aufgegeben für eine Verschulung des Bildungssystems. Studium soll nach der Regelstudienzeit ein normaler 40 Stunden Job mit 6 Wochen Ferien werden. Statt 1-2 Prüfungen pro Semester in Magister/Dimplom, sehen sich Studierende nun einer Vielzahl von Prüfungen gegenüber, die nach den Protesten 2009 von der KMK (Kultusminister*innenkonferenz) zumindest um Vorleistungen gekürzt wurden. Jedoch bleiben Noten und ihr Ziel: Normierung, Disziplinierung, Konkurrenz.
Diese Normierung nimmt einen seltsamen Charakter an, da sie gerade auf Selbstbestimmung setzt. Die eigene Organisation des Studiums, des Vorbereitens, des Lernen verlangt marktkonformen Kompetenzen des autonomarbeitenden, projektorientierten unternehermischen Selbst, dass sich ständig ausbildet, optimiert, diszipliniert und seine Selbstverwirklichung in der Liebe zur Arbeit findet.
Die Didaktisierung der Lehre mit steigenden Präsenzzeiten und weniger Raum für Eigenstudium führt zum einem schulischen Klima. Hier werden Inhalte vereinfacht, elementarisiert und kanonisiert. Damit ergibt sich ein Zugang zum gesellschaftlichen, politischen Untersuchungsgegenstand, der durch Entproblematisierung und Verkürzung geprägt ist vorbereitend für die Vereinheitlichung und für die Anpassung an Lehrmeinungen.
Doch vor allem auch die Dozierenden sind von der Idee des „verdichten, verschulen, umbenennen" betroffen. Ohne zusätzlich Mittel müssen die Universitäten den gesteigerten Betreuungsanforderungen nachkommen. Dozierende befinden sich oft in der prekären Situation von zeitlicher Befristung des Arbeitsvertrags, ständigen Umbaus ihres Arbeitsplatzes und Überlastung.
Schlussendlich führt die Schaffung von Konkurrenz, die Vorstellung von messbaren Bildungsleistungen und ihre autoritärer Durchsetzung zur Vereinzelung. Die Einzelnen haben das Gefühl zu viel zu feiern, zu wenig zu lernen, zu versagen, nicht klug genug zu sein. Der FSR sieht darin ein politisches Kalkül. Diese Studierenden können schnell und unhinterfragt lernen und vorgegebene Aufgaben verantwortungsbewusst und effizient lösen, ohne dabei (politische) Verknüpfungen zu erkennen, geschweige denn gesellschaftliche Vorgaben und Strukturen zu hinterfragen und zu ändern.
Der Fachschaftsrat spricht sich vehement gegen einen solchen universitären Wandel aus und somit für mehr Freiheit im universitären System. Studierende sollen sich kritisch und individuell Kenntnisse aneignen und vertiefen können, ohne in einem von oben autoritär aufgezwungenem System zu unkritischen, gleichgeschalteten und leistungsorientierten Maschinen herangezüchtet werden. Erkenntnisgerichtete Lehre – verwoben mit einem Ansatz, der sich an den politischen und realen Gegebenheiten der Studierenden und der Gesellschaft orientiert - ist unserer Meinung nach.auszuweiten.
Die Vorschläge dieser Broschüre führen nur zu einer kleine Verschiebung innerhalb des Systems. Ein anderes Studium verlangt eine andere Gesellschaft. Jedoch hoffen wir mit diese kleinen Änderungen Räume zu schaffen in dem eben diese antizipiert werden kann.

© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017