Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Auch im Wintersemester 2014/15 organisiert der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften wieder eine Reihe von Vorträgen, die sich mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Phänomenen auseinandersetzen möchten. Wie in den vergangenen Semestern auch laden wir Referentinnen und Referenten ein, die sich aus der Perspektive einer kritischen Theorie der Gegenwart mit den von ihnen gewählten Gegenständen auseinander setzen, deren Durchdringung überhaupt erst den Zwangscharakter von Gesellschaft offenbart. So werden wir unter anderem über die zentrale Bedeutung der Unterdrückung der Frau in der männlichen Subjektkonstitution und den postmodernen Rationalitätsbegriff diskutieren.
Darüber hinaus wird es Vorträge zu aktuellen politischen Entwicklungen geben, zum Beispiel zur Terrorherrschaft des Islamischen Staats in Syrien und im Irak, zur Islamisierung der Türkei unter der AKP oder auch zu den antisemitisch-antizionistischen Protesten und dem de facto Nichtverhalten der deutschen Öffentlichkeit im Zuge des Gaza-Kriegs in diesem Sommer. Die Art und Weise, wie sich staatsoffizielle wie nicht-öffentliche Meinung hierzulande zu den (islamistischen) Feinden der – zugegeben: immer prekären - bürgerlichen Freiheit verhalten, lässt tief blicken, wie es um die deutschen Verhältnisse im Jahr 2014 bestellt ist.

Tobias Jaecker: Hass, Neid, Wahn: Die antiamerikanische Ideologie

Tobias Jaecker, 04. November 2014, 19 Uhr, ZHG 004

Ob in der Debatte um den NSA-Skandal oder die Ukraine-Krise: Antiamerikanismus ist so populär wie lange nicht mehr in Deutschland. In allen Bevölkerungsschichten und politischen Lagern – selbst bei Menschen, die sich als fortschrittlich verstehen. Aber was ist das überhaupt: Antiamerikanismus? Wie unterscheidet er sich von Kritik an der US-Politik? Und warum wird er so offensiv, teils aggressiv geäußert? Tobias Jaecker erläutert Ursachen, Funktionsweise und Auswirkungen des Antiamerikanismus. Er präsentiert dazu Beispiele aus den Medien von 9/11 über die Finanzkrise bis heute. Sie zeigen, wie sich der Antiamerikanismus zu einer gefährlichen Ideologie verdichten kann.


Oliver M. Piecha: Das Kalifat der Albträume

Oliver M. Piecha, 11. November 2014, 19:00 Uhr, ZHG 004

Den Nahen Osten verstehen: Assad, der „Islamische Staat“, die Kurden und der Rest. Ein ungemütlicher Crashkurs. Was passiert gerade zwischen Euphrat und Tigris? Ist Kobane 2014 das Madrid von 1937? Warum schneidet der „Islamische Staat“ öffentlich Hälse durch? Wieso hat das etwas mit dem „Arabischen Frühling“ zu tun und weshalb haben jetzt alle so eine Angst vor diesem „Islamischen Staat“? Hat er wirklich die Sklaverei wieder eingeführt? Und wer bombt gerade gegen wen?

Der Referent Oliver M. Piecha ist Historiker, er schreibt regelmäßig über den Nahen Osten u. a. in der Berliner Wochenzeitung „Jungle World“, ist Mitbegründer der deutsch-irakischen Hilfsorganisation WADI und Mitarbeiter einer Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung im Nahen Osten.


Prof. Rolf Pohl: Feindbild Frau

Prof. Rolf Pohl, 26. November 2014, 19 Uhr, ZHG 004

Sexuelle Gewalt ist nahezu ausschließlich männlich. Ihr liegt eine ambivalente bis feindselige Einstellung zu Frauen zugrunde, die zum Kernbestand männlicher Subjektivität in männlich hegemonialen Kulturen gehört. Weiblichkeit wird von Männern unbewusst als Bedrohung erlebt und deshalb abgewehrt. Die typisch männ­liche Gewalt­bereitschaft gegenüber Frauen ent­springt somit einer Mischung aus Angst, Neid, Wut und Hass. Aber immer geht es dabei auch um sexuelle Lust. Sexuelle Gewalt dient somit nicht nur der Angstabwehr und der Wiederherstellung einer beschädigten Männlichkeit, sondern auch der sexuellen Befriedigung des Mannes. Dieser Zusammenhang, der sich vor allem an Vergewaltigungen unter zivilen und unter Kriegsbedingungen nachweisen lässt, wird in der gesamten sexuellen Gewaltdiskussion vernachlässigt oder geleugnet. Hass und Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen ist auch als Ergebnis einer Leugnung und Abwehr der männlichen, auf den weiblichen Körper gerichteten Begierde zu verstehen. Die durch Frauen ausgelöste sexuelle Erregung bestätigt die Abhängigkeit des Mannes und entlarvt die im männlichen Autonomiewunsch enthaltene Idee vollkommener Beherrschung und Kontrolle als wahnhafte Illusion. Diesen Zusammenhängen wird der Vortrag aus psychoanalytischer, sozialpsychologischer und geschlechtertheoretischer Perspektive nachgehen.
Prof. Dr. Rolf Pohl ist Wissenschaftler an der Uni Hannover und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie.


Murat Yörük: Erdogans neue Türkei

Murat Yörük, 09. Dezember, 19 Uhr, ZHG 003

Die Türkei Atatürks ging einst aus dem untergegangenen Osmanischen Reich hervor und trat gegen die islamische Tradition an, indem sie den Westen zum Vorbild erklärte. Durch Atatürks Kulturrevolution, die eine radikale Säkularisierung zum Ziel hatte, sollte die islamische Alltagsmoral zurückgedrängt und durch staatliche Aufsicht kontrolliert werden. Nach nunmehr 90 Jahren ist immer weniger davon im Alltag zu spüren – die heutige Türkei ist vielmehr auf dem besten Weg in eine totalitäre Herrschaft. Pünktlich zum hundertjährigen Bestehen der Republik hofft darum der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan an seinem persönlichen Ziel, der Gründung einer „zweiten Republik“, angelangt zu sein.

Recep Tayyip Erdogan und seine AK Parti (AKP) traten 2002 mit dem Versprechen an, eine umfassende Demokratisierung vorzunehmen. Nach zwölf Jahren kann resümiert werden, dass im Namen der Demokratisierung, die hier eine Re-Islamisierung der Gesellschaft bedeutet, an die Stelle der alten laizistisch-kemalistischen Elite eine neue, die islamisch-kemalistische getreten ist, die innerhalb der rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen zur schleichenden Re-Islamisierung der Gesellschaft beiträgt.

Im Vortrag soll der politische Werdegang Erdogans, der sich allzu gerne als Triumphator inszeniert, skizziert und anhand ausgewählter Reden dessen politische Rhetorik näher untersucht werden. Dabei wird die politische Geschichte des türkischen Islamismus rekonstruiert, und die Frage geklärt werden, wie es dazu kommen konnte, dass scheinbar nicht wenige Türken eher an islamischer Prosperität interessiert sind als an individueller Freiheit.

Murat Yörük ist Autor, zu­letzt ver­öf­fent­lichte er „Der Apo­lo­get des Todes. Beim Wort ge­nom­men: Recep Tay­yip Erdogan“ in Ba­ha­mas Nr. 67/2013.

© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017