Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen

Am 25. Mai findet die Europa-Wahl statt. Während sich Martin Schulz und Jean-Claude Juncker einen Wahlkampf um das Amt des EU-Ratspräsidenten liefern, der keine größeren inhaltlichen Differenzen zwischen Sozialdemokraten und Konservativen offenbart, schicken sich in vielen europäischen Ländern Rechtspopulisten und Rechtsextremisten an, in großer Stärke ins EU-Parlament einzuziehen. Dass die EU eine menschenunwürdige Asyl-und Flüchtlingspolitik fährt, die im Mittelmeer pro Jahr zahllosen Menschen das Leben kostet, dass Europa im Syrien-Konflikt wie auch in den Atomverhandlungen mit dem Iran eine äußerst kritikwürdige außenpolitische Rolle spielt und die als alternativlos angesehene deutsche Krisenpolitik den europäischen Süden verarmen lässt, soll gar nicht bestritten werden. Eine zu leistende Kritik an der „europäischen Ideologie“ müsste diese Momente in sich aufnehmen. Rechte, mitunter völkische Europa-Kritik entbehrt jedoch jeder Berechtigung und muss als Ressentiment denunziert werden. Daher will sich der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften in einer Reihe zur Europa-Wahl mit verschiedenen Problemen wie der völkischen Mobilisierung in Ungarn, der Euro-“Kritik“ der „Alternative für Deutschland“ und den Rechtspopulisten in Europa sowie ihrem Verhältnis zur extremen Rechten auseinander setzen.

Dr. Matthias Micus: Rechtspopulismus in Europa

Dr. Matthias Micus (Institut für Demoratieforschung), 15. Mai 2014, 19 Uhr, ZHG 005

Ein Gespenst geht um in Europa – wieder einmal. Doch handelt es sich dieses Mal nicht um den Kommunismus, sondern um den (Rechts-)Populismus. Und dieser zweite Geist scheint aktuell erheblich agiler zu sein als jener, der mit dem Fall der Mauer langsam aber sicher den Geschichtsbüchern Europas zugeordnet worden ist, schließlich spukt er seit einigen Jahren vor nahezu jeder bedeutenderen Wahl aufs Neue durch den Blätter-, oder wie man heute vermutlich eher sagen muss: Blätter-,Blog-und Bilderwald. Immer dann, wenn Stimmen- und vor allem Mandatsgewinne populistischer Parteien zu erwarten sind. So auch vor der anstehenden Europawahl am 25. Mai. Doch bleibt aller Berichterstattung zum Trotz zumeist eine Reihe von Fragen offen: Warum schneiden, wie die Umfragen suggerieren, die Rechtspopulisten mutmaßlich gerade bei der Europawahl so stark ab? Weshalb sind die rechtspopulistischen Kräfte in den letzten Jahren und Jahrzehnten insgesamt so viel erfolgreicher als die linkspopulistischen Wettbewerber? Ist (Rechts-) Populismus rundweg schlecht, verwerflich, gefährlich, in Bausch und Bogen ablehnenswert? Und vor allem: Was ist überhaupt Populismus? Um diese Fragen wird sich der Vortrag „Das Gespenst des Populismus“ folglich drehen.

Klaudia Hanisch: Magyanisches Erwachen: Rechtsruck in Ungarn

Klaudia Hanisch (Institut für Demoratieforschung), 21. Mai 2014, 19 Uhr, ZHG 101

Geschichtsrevisionismus, Horthy-Kult, antisemitische und antiziganistische Zustände, völkisches Erwachen - diese und andere Begriffe kennzeichnen die aktuelle Lage im sich faschisierenden Ungarn. Der magyarische Aufbruch drückt sich dabei nicht nur in der Stärke der faschistischen Jobbik und der nationalistischen Politik der Regierungspartei Fidesz aus, sondern auch in der Schwäche die liberalen und linken Opposition: Der Rechtsruck in Ungarn hat eine starke gesellschaftliche Basis.

Matthias Jakob Becker: Die Beständigkeit antisemitischer Stereotype in der Sprache

Linguistische Analysen von judenfeindlichen Haltungen in der deutschen Sprachgemeinschaft. Matthias Jakob Becker, 28. Mai 2014, 19 Uhr, ZHG 005

Feindschaft gegenüber Juden hat in der abendländischen Kultur eine lange Tradition. Als Grundlage für soziale Ausgrenzung und körperliche Gewalt diente stets die Abwertung von Juden mittels Sprache, deren Spezifika von den jeweiligen historischen Bedingungen beeinflusst wurden. Dieser Vortrag soll anhand authentischer Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart die Charakteristika und Entwicklungslinien dieses antisemitischen Sprachgebrauchs erörtern und aufdecken, inwieweit gegenwärtig von parallel verlaufenden Einstellungsmustern in Randgruppen und der Mehrheitsgesellschaft gesprochen werden kann.

Über die Alternative für Deutschland

David Bebnowski (Institut für Demokratieforschung), 4. Juni 2014, 19 Uhr, ZHG 003

Nun also auch in Deutschland. Mit der Alternative für Deutschland hat sich auch in der Bundesrepublik eine ernstzunehmende Partei rechts von CDU und FDP gegründet. Ihr Einzug ins Europaparlament stellt ihren bis dato größten Erfolg dar. Was sind die Gründe für ihren Aufstieg? Warum konnte die Partei entstehen? Und welche Rolle spielen die vielen Ökonomen an ihrer Spitze? Gemeinsam mit einer Analyse des Europawahlergebnisses sollen diese Fragen beantwortet werden.


Vor einigen Jahren erhielt die Begriffsverwirrung und der Streit um die Bezeichnung von Parteien „am rechten Rand“ des politischen Spektrums der Bundesrepublik eine neue Facette, als auch hier erste Parteien als rechtspopulistisch bezeichnet wurden. Die Alternative für Deutschland (AfD) stellt dabei nur die neueste Erscheinungsform dar, nach den Republikanern, dem Bund freier Bürger, der Schill-Partei (PRO) und diversen anderen. Aktuelle Verortungen der AfD reichen von Anti-Euro- bzw. Protestpartei, über konservativ-bürgerlich, national-konservativ, wirtschaftsliberal, euroskeptisch bis eben hin zu rechtspopulistisch, wobei oft unklar bleibt, was denn nun das Spezifische des Rechtspopulismus ist und ob es sich hierbei nicht eher um „neue“ politische Formen als um veränderte bzw. abzugrenzende Inhalte handelt.
Die AfD-Parteiführung selbst betreibt öffentlich viel Aufwand, um sich von der extremen Rechten und dem historischen Nationalsozialismus abzugrenzen, sich als Koalitionspartner schmackhaft zu machen und die Unvereinbarkeit ihres Programms, ihrer Praxen und tagesaktuellen Forderungen mit jenen zu behaupten. Dies gelingt nicht immer, wie einige Skandale zuletzt zeigten.
Ausgehend von konkreten Partei-Positionen, -Kampagnen und Mitglieder-Äußerungen soll am Beispiel der AfD hinterfragt werden, ob rechtspopulistische Parteien inhaltlich wirklich Parteien eines „neuen Typs“ darstellen. Denn trotz vielfach sicher vorhandener formeller, Lebenstil- und Habitusunterschiede („Professorenpartei AfD“) bestehen grundlegende Gemeinsamkeiten mit den „traditionellen“ Parteien der Rechten und extremen Rechten und ihren Mitgliedern: bezüglich der Gemeinschafts- und Feindbildungen, der (gewaltvollen) Lösungsansätze für behauptete gesellschaftliche Konflikte, der Projektionsmechanismen und der Bedrohungsängste gegenüber modernen, pluralen Gesellschaften.


© 2016 — Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingenlast updated: 05.04.2017